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Michael GraberDünow: Selbstbestimmung trotz Hilfebedürftigkeit. Wohnformen alter Menschen

Aus: DR. MED. MABUSE 141 • JANUAR/FEBRUAR 20, S. 30ff

 Die meisten Menschen möchten auch mit fortschreitendem Alter in ihrer eigenen  Wohnung leben. Sie erhoffen sich ein Höchstmaß an Selbstständigkeit und Kontinuität in  der Lebensführung, zugleich aber auch die Sicherheit im Bedarfsfall die notwendigen Hilfeleistungen zu erhalten. Leider lässt sich dies nicht immer umsetzen, sodass ein Teil der alten Menschen aus der  vertrauten Häuslichkeit ausziehen und teilweise sogar in eine institutionelle Wohnform wechseln muss. Michael GraberDünow gibt einen Überblick über verschiedene Wohnformen alter Menschen.

Nach Querschnittuntersuchungen leben etwa 95 Prozent der 13,7 Millionen über 65jährigen Menschen in Deutschland in einer Privatwohnung; davon wohnen etwa 37,08 Prozent in Einpersonenhaushalten. Der Anteil von Einpersonenhaushalten nimmt  meist bedingt durch den Tod des (Ehe)Partners mit zunehmendem Alter zu. Auch wenn dies selbstverständlich nicht zwangsläufig mit drohender Einsamkeit und Isolation gleichgesetzt werden kann, so ist bei Al­leinlebenden aber doch die Gefähr der Vereinsamung insbesondere dann größer, wenn durch zunehmende Immobilität kaum noch selbst aktiv Besuche unter­nommen oder an sonstigen Aktivitäten teilgenommen werden kann. Außerdem ist bei allein lebenden alten Menschen tendenziell von einem geringeren Unterstützungspotential bei Hilfebedarf auszugehen.

Auch beim Eintritt von Hilfe und Pflegebedürftigkeit möchte ein Großteil der alten Menschen weiterhin in der vertrauten Häuslichkeit wohnen bleiben. So äußerten beispielsweise bei einer Befragung, der Forschungsgruppe Altern und Lebenslauf der Freien Universität Berlin 79,9 Prozent der 70 bis 85jährigen diesen Wunsch, Hingegen kann sich nur jeder Fünfte (21,1 Prozent) der Befragten vorstellen, bei Hilfebedürftigkeit mit einem seiner Kinder zusammenzuziehen.

a)      Pflege im häuslichen Bereich

Derzeit werden in Deutschland 72 Prozent (=1,44 Mio.) der (nach Definition der Pflegeversicherung) pflegebedürftigen Menschen zu Hause versorgt (Statistisches Bundesamt, 2001). Davon erhalten 1,03 Mio. die notwendigen Hilfen ausschließlich durch Angehörige, während bundesweit 415 000 Pflegebedürftige professionelle Pflege durch ambulante Dienste in An­spruch nehmen. Familiale Pflege wird dabei hauptsächlich vom Ehepartner und den Töchtern erbracht. Dabei hängt die Bereitschaft von Angehörigen, die Pflege zu übernehmen und dauerhaft fortzuführen, von einer Vielzahl von Faktoren ab: Neben der sozialen Nähe zum Pflegebedürftigen ist natürlich die Qualität der Familienbeziehung von großer Bedeutung. Auch, die Entwicklung der Pflegebeziehung hat Einfluss, ob die Pflege übernommen bzw. aufrecht erhalten oder abgegeben wird. So lässt beispielsweise eine langsame Entwicklung der Pflegebedürftigkeit den Angehörigen die Möglichkeit, quasi in die Pflege „hineinzuwachsen", während eine ab­rupte Verschlechterung des Gesundheitszustandes des Pflegebedürftigen die Pflegeperson schneller überfordert. Auch reine positive Gratifika­tionsbilanz (damit ist die psychische Belohnung, beispiels­weise durch Dankbarkeit des Pflegebedürftigen gemeint) und die Wahrung ästhetischer Standards (zum Beispiel im Umgang mit Inkontinenz) kann die Pflegebeziehung sta­bilisieren, während eine nega­tive Gratifikationsbilanz oder eine Verletzung ästhetischer Standards tendenziell eher ei­nen Abbruch der Pflegebezie­hung zur Folge haben können. Aber auch praktische Konstellationen, wie Krankheit der Pflegeperson, deren Berufstätigkeit, finanzielle Aspekte oder die Wohnsituation können auf die Pflegebeziehung Einfluss nehmen.

Die Möglichkeiten, die Pflegebeziehung durch teilstationäre Angebote zu entlasten, werden nur in relativ geringem Ausmaße angenommen; so besuchen ca. 10 000 Pflegebedürftige eine Tagespflegeeinrichtung, 9000 Pflegebedürftige erhalten Kurzzeitpflege und Nachtpflege nehmen sogar nur 200 Pflegebedürftige wahr.

b)     Bauliche Ausstattung der Wohnungen

Ihre Wohnsituation bewerten  87 Prozent der 70 bis 85jährigen im ehemaligen Bun­desgebiet mit sehr gut bis gut, in den neuen Bundesländern sind dies 78,2 Prozent. Die bauliche     Ausstattung     der Wohnungen lassen sich der Tabelle auf der nächsten Seite entnehmen.

Über Mängel in der Woh­nung klagten in den alten Bundesländern 15,3 Prozent und in den neuen Bundeslän­dern sogar 34,9 Prozent der Befragten. Ausstattungsmängel können aber gerade bei gesundheitlichen Einschränkungen der alten Menschen einem weiteren Verbleib in der Wohnung entgegenstehen. Zur Beseitigung von Ausstattungsmängeln können alte Menschen Wohnberatungen, die beispielsweise von Kom­munen angeboten werden, in Anspruch nehmen. Das Ziel der Wohnberatungen ist die Vermittlung von Informationen, Anregungen und Empfehlungen für die altersgerechte Gestaltung von Wohnun­gen. Als Beispiele seien hier eher allge­meine Maßnahmen, wie rutschfeste Bodenbeläge in Sanitärräumen, Ein­stiegshilfen für die Badewanne, Haltegriffe oder elektrische Rollläden genannt. Dazu gehören aber auch Maß­nahmen zum Ausgleich spezifischer Ein­schränkungen bzw. Behinderungen, wie zum Beispiel für Rollstuhlfahrer unter­fahrbare Arbeitsplatten in der Küche, Kippspiegel, Aufstehstühle oder mit der Türklingel gekoppelte optische Signale für Schwerhörige.

Das Wissen um die Möglichkeiten der altersgerechten Gestaltung der Woh­nung führt aber nicht zwangsläufig zur entsprechenden Wohnungsanpassung. So „kann nämlich immer wieder beob­achtet werden, dass zwar häufig bekannt ist, wie die eigene Wohnung altengerecht gestaltet werden könnte, nichtsdestotrotz werden aber selbst im Bedarfsfall von den Betroffenen keinerlei Maßnahmen eingeleitet" (Winfried Saup / Moni­ka Reichert, 1997). Die mangelnde Bereitschaft zur Umgestaltung der Wohnung lässt sich einerseits daraus erklären, dass damit eine Konfrontation mit den eigenen gesundheitlichen Einschränkun­gen im Alterungsprozess verbunden ist, die von den Betroffenen häufig ver­drängt werden. Andererseits mag viel­fach aber auch die Angst vor finanziellen Belastungen die alten Menschen von der Umsetzung von Wohnungsanpassungsmaßnahmen abhalten. Es scheint hier al­so auch ein Defizit beim Wissen um die Finanzierungsmöglichkeiten zu bestehen. So sind für altersgerechte Umbauten in der Wohnung Zuschüsse von Krankenkassen, Pflegekassen, Sozialämtern und Versorgungsämtern ebenso möglich wie die Erlangung von Mitteln aus speziellen Förderprogrammen der Kommunen oder Länder. Nach einer Studie der Universität Bielefeld könnte „eine Wohnungsanpassung ... bei jedem vierten hilfebedürftigen Menschen eine Einweisung ins Heim überflüssig machen und Geldbeträge in Millionenhöhe sparen. Allein durch bauliche Verände­rungen oder den Einsatz von Hilfsmitteln könnten 80 Prozent aller Handlungsdefizite alter Menschen überwunden und eine selbstständige Haushaltsführung verwirklicht werden" (Bundesministerium für Familie, Senio­ren, Frauen und Jugend, 2001).

Der selbstständigen Lebensführung im Alter können aber nicht nur Mängel in der Wohnungsausstattung, sondern auch im Wohnumfeld entgegenstehen. So ist es beispielsweise von Bedeutung, ob im näheren Wohnumfeld Einkaufs­möglichkeiten, Ärztinnen oder öffentliche Verkehrsmittel leicht erreichbar sind. In dem zuvor bereits zitierten AltersSurvey der Freien Universität Berlin beklagten die Hälfte der 70 bis 85jährigen Mängel in der Wohnumfeldausstattung. Dabei wird vor allem auf ungenügende Einkaufsmöglichkeiten und eine mangelhafte Anbindung an den öf­fentlichen Personennahverkehr hingewiesen.

c)      Betreutes Wohnen

Für viele alte Menschen stellt das so genannte „Betreute Wohnen" eine Alternative zur bisherigen Wohnsituation dar. Im Betreuten Wohnen verfügt der alte Mensch in der Regel über eine eigene ab­geschlossene, altersgerechte Wohnung, die ihm die gewünschte Selbstständigkeit ermöglicht. Im Bedarfsfalle kann der alte Mensch im Betreuten Wohnen außerdem verschiedene Serviceleistungen, wie Mahlzeitenversorgung, Haus­haltshilfen oder Pflegeleistungen zusätzlich einkaufen. Hinzu sollte eine kommunikationsfördernde Architektur, beispielsweise durch das Angebot sekundärer Wohnbereiche und Veran­staltungsräume, sowie eine altersgerechte Wohn­umfeld­gestaltung kommen.

 Bauliche Ausstattung der Wohnungen der 70 bis 85jährigen

 

Bad/Dusche inner­halb der Wohnung

Innentoilette

Zentral oder Etagenheizung

alte Bundesländer

97,8%

92,8%

91,5%

neue Bundesländer

87,9%

88,9%

70,4%

 Eines der Hauptprobleme besteht al­lerdings darin, dass der Begriff des Be­treuten Wohnens sehr heterogen verwendet wird, das heißt, es besteht keine einheitliche Definition, was im Einzelnen unter Betreutem Wohnen zu verste­hen ist. So reicht beispielsweise „die Spannbreite der Betreuungsleistungen... von einfachen handwerklichtechni­schen oder pflegerischhaus­wirtschaftlichen Hilfen bis zu einer Pflege, die — nach Art und Umfang  mit der Betreu­ung in einer stationären Einrichtung vergleichbar sein kann" (Bundesarbeitsge­meinschaft der freien Wohlfahrtspflege, 1988). Mit heimverbundenen betreuten Wohnanlagen, Wohnanlagen mit integriertem Pflegestützpunkt und solitären Wohnanlagen differieren auch die Organisationsformen des Betreuten Wohnens. Die uneinheitliche Verwendung des Be­griffs, der bei den Betroffenen damit häufig falsche Erwartungen weckt, mag auch der Grund dafür sein, dass das Deutsche Institut für Normung (DIN) beauftragt wurde, ein Normungsvorhaben für Be­treutes Wohnen durchzufuhren. Es sollen dabei Anforderungen an die Dienst­leistung Betreutes Wohnen definiert werden, um Kundinnen und Anbieterinnen eine Orientierungshilfe zu bieten.

Als eine der wenigen empirischen Untersuchungen zum Betreuten Wohnen hat die Universität Augsburg unter Federführung von Winfried Saup die „Augsburger Längsschnittstudie über Betreutes Wohnen" durchgeführt. Danach erwarten 95,9 Prozent der Bewohnerinnen, dass der Umzug ins Betreute Wohnen der letzte in ihrer Wohnbiografie ist. „Eindeutig im Vordergrund der Gründe für den Einzug ins Betreute Wohnen steht ein Motivbündel, das auf Krisenvorsorge ausgerichtet ist: im Notfall Hilfe haben (86,7 Prozent), im Pflegefall soll Betreuung zur Verfügung stehen (86,1 Prozent), in unerwarteten Krisensituationen soll kurzfristig Hilfe verfügbar sein (83,2 Prozent)" (Saup, 1999). Nach Saup erhoffen sich die Älte­ren „beim Einzug ins Betreute Wohnen eine Sicherheit, Umfang und Kontinuität an Betreuung und Versorgung, wie sie in der Regel mit einer institutionellen Versorgung assoziiert werden".

Gerade aufgrund der uneinheitlichen Definition des Betreuten Wohnens ist dies jedoch eine Erwartung, die in der Praxis oft enttäuscht wird. Für manche Bewohnerinnen Betreuten Wohnens be­deutet der Eintritt von Pflegebedürftigkeit oder das Fortschreiten dementieller Erkrankungen der erneute Umzug in ein Pflegeheim. Es dürfte daher nicht nur notwendig sein, verbindliche Standards für das Betreute Wohnen zu definieren, sondern auch die Betroffenen verstärkt über die Möglichkeiten, aber auch Grenzen dieses Angebots aufzuklären.

d)     Altenwohn und Hausgemeinschaften

Wohngemeinschaften könnten dem Bedürfnis alter Menschen nach Privatheit und selbstständigem Wohnen, nach der Sicherheit im Bedarfsfall Unterstützung und Hilfe zu bekommen sowie Sozialkontakte unterhalten zu können, in ganz besonderer Weise entsprechen. In der Gerontologie wird sie daher schon lange als alternative Wohn und Lebensform diskutiert. Aus dieser Diskussion sind zwar relativ wenige, aber doch äußerst interessante Initiativen entstanden.

Diese Initiativen scheinen jedoch für den Großteil der heute alten Menschen zu früh zu kommen. Das Leben in der Wohngemeinschaft, für einen großen Teil der Nach68erGeneration als tem­porärer oder gar dauerhafter Lebensstil selbstverständlich, entspricht bei weitem nicht der (Wohn)Sozialisation der heu­tigen Alten. So ist es nicht verwunder­lich, dass sich nur 2, l Prozent der 70 bis 85jährigen das Zusammenleben in ei­ner Wohngemeinschaft überhaupt vor­stellen können. In den neuen Bundes­ländern liegt der Anteil mit 0,6 Prozent besonders niedrig (AltersSurvey, 1996). Die schon vor Jahren geäußerte Ein­schätzung von Margret Dieck scheint daher auch heute noch Gültigkeit zu ha­ben: „Über Altenwohngemeinschaften wird mehr geschrieben als in ihnen ge­lebt." (Dieck, 1989)

In Zukunft werden Altenwohnge­meinschaften ebenso wie Generationen­wohngemeinschaften aber sicherlich ver­stärkt an Bedeutung gewinnen. Sie soll­ten jedoch nicht sozialromantisch ver­klärt, sondern in ihrer potentiellen Problematik diskutiert werden. Neben den auch aus Wohngemeinschaften jün­gerer Menschen bekannten Konfliktpo­tentialen ist in einer Altenwohngemein­schaft vor allem zu klären, in welcher Weise ein eventuell entstehender Pflege­bedarf realistisch abgedeckt werden kann.

Das Prinzip einer betreuten Wohnge­meinschaft greift das Kuratorium Deut­sche Altershilfe (KDA) mit seinen als 4. Generation der Alten und Pflegeheime propagierten Hausgemeinschaften auf: „Eine überschaubare Gruppe um die neun (+/ 3) Personen wohnt in einer möglichst normalen Wohnung ähnlich einer (Groß) Familie zusammen. Alle Hausgemeinschaftsmitglieder verfugen in einer ansprechenden Wohnumgebung über Rückzugsmöglichkeiten in ihr pri­vates, mit eigenen Möbeln individuell gestaltetes Wohn/Schlafzimmer, das da­zu noch — möglichst mit kleiner Diele sowie eigenem Duschbad und WC — ein in sich geschlossenes Appartement bildet. Das Gemeinschaftsleben spielt sich im wohnungsinternen Wohn/Ess/Kochbereich ab. Hier ist mindestens eine Mit­arbeiterin in Hausfrauenfunktion über Tag permanent als Bezugsperson für Be­wohnerinnen und Bewohner ansprech­bar. Sie organisiert den Haushalt, kauft ein und kocht das Essen. Der Herd ist gleichsam der ‚Brennpunkt' der Ge­meinschaft. Die alten Menschen beteili­gen sich — ihren Fähigkeiten und Vorlie­ben entsprechend — aktiv an den alltägli­chen Aktivitäten ... Der ganz gewöhnli­che Alltag mit seinen ,Sachzwängen' wird so zum Fitnesstraining oder gar zur ‚Therapie'" (KDA, 1999).

Hausgemeinschaften bieten ihren (häufig dementiell erkrankten) Bewoh­nerinnen damit einen angemessenen pri­vaten Rückzugsbereich, von den Betrof­fenen als sinnvoll erlebte Anregungen und Aktivitäten sowie vielfältige Kom­munikationsmöglichkeiten. Die (Re) Integration hauswirtschaftlicher Arbeiten in die Betreuung und in den Alltag der Bewohnerinnen ist sicherlich nicht nur aus inhaltlichen, sondern auch aus wirtschaftlichen Gründen sehr zu be­grüßen. Doch allen entgegengesetzten Beteuerungen des KDA zum Trotz bleibt doch der Zweifel, ob Hausgemeinschaf­ten letztlich nicht auch unter den glei­chen personellen Problemen leiden wie traditionelle Pflegeheime, denn es ist beispielsweise kaum nachvollziehbar, wie eine einzige, zudem nur hauswirtschaftlich qualifi­zierte Kraft durchschnittlich neun dementiell erkrankte Menschen betreuen und daneben noch die hauswirtschaftli­che Versorgung sicherstellen soll. Nicht auszudenken, wenn bei einer solchen Konstellation auch noch im Einzelfall ei­ne Krisenintervention notwendig wird. Trotzdem sind Hausgemeinschaften si­cherlich eine positive Alternative zu tra­ditionellen Pflegeheimen.

e)      Wohnen in Institutionen

Die klassische Nomenklatur unterteilt die stationären Einrichtungen der Alten­hilfe in Altenwohnheime, Altenheime und Pflegeheime. Dabei können Alten­wohnheime heute sicherlich vielfach mit „Betreutem Wohnen" gleichgesetzt wer­den. Das Altenheim, in dem noch weit­gehend selbstständige alte Menschen hauptsächlich hauswirtschaftliche Hilfen in Anspruch nahmen, existiert hingegen faktisch kaum noch. Durch den zuneh­menden Ausbau ambulanter Dienste können alte Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, ihren Haushalt selbst­ständig zu fuhren und daher früher in ein Altenheim ziehen mussten, inzwi­schen problemlos in ihrer bisherigen Wohnung oder im „Betreuten Wohnen" versorgt werden. Die Einrichtungen haben sich daher zum weitaus überwie­genden Teil zu reinen Altenpflegeheimen gewandelt. Dieser Trend wurde durch das Pflegeversicherungsgesetz, das vor Heimeinzug die Feststellung der „Heim­pflegebedürftigkeit" durch den Medizi­nischen Dienst fordert, weiter gefestigt.

In Deutschland bestehen etwa 8100 Pflegeheime, in denen 573 000 Pflege­bedürftige versorgt werden. Damit leben etwa 4,16 Prozent der über 65jährigen in einer stationären Einrichtung. Die Gerontologie weist jedoch schon seit Jahrzehnten darauf hin, dass es sich bei dieser relativ geringen Zahl um einen Trugschluss handelt, durch den die Be­deutung stationärer Pflegeeinrichtuhgen verkannt wird. Der angegebene Prozent­satz ist ein Quer­schnittwert, der eher die Zahl der zur Ver­fügung stehenden Heimplätze doku­mentiert, nicht je­doch die Wahr­scheinlichkeit, im Alter in einem Heim versorgt zu werden. Diese liegt tatsäch­lich weitaus höher: Ein Nachweis dafür findet sich in der Auswertung von Ster­bestatistiken, nach denen 29 Prozent der verstorbenen über 65jährigen vor ihrem Tod in einem Heim lebten. Hinzu kommt, dass Pflegeheime letztlich Ein­richtungen für Hochbetagte geworden sind, die mit zunehmendem Alter immer mehr an Bedeutung gewinnen; so leben von den 8084jährigen 8,2 Prozent, von den 85 bis 89jährigen 17,0 Prozent und von den über 90jährigen sogar fast jeder Dritte (31,3 Prozent) in einer sta­tionären Altenhilfeeinrichtung.

Bei Befragungen älterer Menschen zeigt sich immer wieder, dass diese im Falle eines notwendigen Heimeinzugs ein Einzelzimmer bevorzugen würden. So sprachen sich zum Beispiel in der Stadt Braunschweig auf die Frage „Wie sollten Ihrer Meinung nach die Men­schen in einer Pflegeinrichtung woh­nen?" 82,3 Prozent der befragten älteren Bürgerinnen für ein Einzelzimmer aus. Dieser Wunsch kann jedoch bei weitem nicht für alle Betroffenen erfüllt werden, denn die Heime verfügen durchschnitt­lich nur etwa zur Hälfte (53,5 Prozent) über Einzelzimmer (bei 41,2 Prozent Doppelzimmer und 5,3 Prozent Drei­oder Mehrbettzimmer).

f)       Wohnqualität im Mehrbettzimmer?

Während im Einzelzimmer eine priva­te Wohnatmosphäre am ehesten zu ver­wirklichen ist, bedeutet ein Mehrbett­zimmer für die Betroffenen eine starke Einschränkung der Privatheit. Insbeson­dere bestehen in Mehrbettzimmern kei­ne Rückzugsmöglichkeiten, so dass der alte Mensch niemals wirklich für sich al­leine sein kann. Im Mehrbettzimmer sind aber auch Entscheidungskompetenzen stark eingeengt. Bereits eine so all­tägliche Entscheidung wie zum Beispiel, ob das Fenster geöffnet oder geschlossen wird, ist nur noch im Einvernehmen mit dem bzw. den Mitbewohnerinnen zu treffen. Es ist daher nachvollziehbar, dass in Mehrbettzimmern auch häufiger Konflikte zwischen den Bewohnerinnen entstehen. Gleichzeitig lässt sich empi­risch nachweisen, dass Bewohnerinnen von Einzelzimmern eine positivere Ein­stellung zur Heimsituation haben.

Einer weit verbreiteten Annahme zur Folge sollen Mehrbettzimmer die Kom­munikation der Bewohnerinnen unter­einander fördern. Die gerontologische Forschung zeigt jedoch im Gegenteil, dass gerade Bewohnerinnen von Einzel­zimmern mehr Sozialkontakte unterhal­ten. Dies ist damit zu erklären, dass die Möglichkeit eines vorübergehenden Rückzugs auch die Phasen einer stärke­ren Öffnung nach außen fördert. Die Bewohner von Einzelzimmern erleben außerdem das Heim eher als „Heimat"; ein Einzelzimmer fördert die Überzeu­gung, den Lebensalltag selbstverantwort­lich gestalten sowie eigene Bedürfnisse und Wünsche eher verwirklichen zu können.

Einschränkend ist jedoch anzumer­ken, dass selbst ein Einzelzimmer noch lange keine Wohnqualität garantiert, da die Anforderungen der Heimmindest­bauverordnung (12 qm für ein Einzel­zimmer, 18 qm für ein Doppelzimmer) von Heim und Kostenträgern gerne in Höchstforderungen bzw. als anzustre­bendes Planungsziel umgedeutet wer­den. So beschrieben bei einer Studie von Winfried Saup „die Hälfte der Bewohner von Einzelzimmern ihren primären Wohnbereich als ,furchtbar klein', .ka­tastrophal eng' oder als .kleines Loch'. Beklagt wurden vor allem auch die mini­malen Bewegungsflächen und die äußerst beschränkten Stellmöglichkeiten für Einrichtungsgegenstände".

Das KDA geht in seiner 3. Generation von Alten und Pflegeheimen von einer Zimmergröße im primären Wohnbe­reich der Bewohner von 15,7 qm in Ein­zelzimmern und 13 qm pro Bewohner in Doppelzimmern aus. Dabei handelt es sich sicherlich immer noch um relativ kleine Zimmer, die keinesfalls ein Opti­mum für die Bewohnerinnen darstellen. Bei einem Vergleich dieser Quadratme­terzahlen mit den tatsächlichen Zimmer­größen ausgewählter Pflegeheime zeigte sich jedoch, dass von den Einzelzimmern 43,75 Prozent und von den Doppelzim­mern 55,55 Prozent unter den vom KDA vorgeschlagenen Größen lagen; im Mittel sind dies etwa die Hälfte aller Zimmer.

g)      Personalisierung des Privatbereichs

Die Wohnqualität bemisst sich aber nicht nur an dem zur Verfugung stehen­den Privatbereich, sondern auch an den Möglichkeiten der Personalisierung die­ses Bereichs, insbesondere durch die ei­gene Möblierung. Die eigenen Möbel besitzen für die betroffenen alten Men­schen in der Regel einen hohen Wert. Der Verzicht auf die eigenen, lieb ge­wonnen Möbel verstärkt bei den Betrof­fenen daher das Gefühl, mit dem Hei­meinzug „alles hinter sich lassen" zu müssen. So ist es nicht verwunderlich, dass Heimbewohnerinnen, die ihr Zim­mer selbst möblieren konnten, die Heimsituation positiver bewerten und größere Wohnzufriedenheit äußern.

Die Einrichtung eines Raumes dient nicht nur der Selbstdarstellung seiner Bewohnerin, sondern ruft auch Verhal­tenserwartungen hervor. Die eigenen Möbel können danach geradezu eine Schutzfunktion für den Privatbereich der Bewohnerinnen einnehmen. Wenn wir diesem Ge­danken folgen, müssen wir uns im Umkehrschluss zu­gleich die Frage stellen, welche Verhaltenserwartungen Zim­mer hervorrufen, die, mit heimeigenen Einheitsmöbeln ausgestat­tet, nur wenig von der Persönlichkeit des dort Wohnenden erkennen lassen.

In diesem Zusammenhang ist auch die im Pflegealltag immer noch zu beobach­tende Geringschätzung des Privatbe­reichs der Bewohnerinnen zu sehen. So klopft nur in 31 Prozent der Heime das Personal beim Betreten eines Bewohner­zimmers an und wartet die Einwilligung zum Eintritt ab. „In der Mehrzahl der Heime wurde beobachtet, dass das Per­sonal entweder nicht anklopft bzw. ohne Einwilligung das private Zimmer be­tritt" (Saup, 1993). Die Bewohnerinnen erlebten dies teilweise als belastend und als Eindringen in ihren Intimbereich.

h)     Einschränkung der Autonomie

Eine weitere Einschränkung kann die Autonomie der Bewohnerinnen durch eine Tagesablaufgestaltung erfahren, die weniger an den Bedürfnissen der im Heim lebenden alten Menschen, son­dern eher an den Arbeitsabläufen der Institution orientiert ist. So zeigte eine Befragung, dass nach Selbstauskunft der Heime bei knapp einem Viertel der Ein­richtungen (24,69 Prozent) noch festge­legte Zeiten für die morgendliche Kör­perpflege bestehen; bei den reinen Pfle­geheimen trifft dies sogar auf fast ein Drittel (31,81 Prozent) zu. Die Bewoh­nerinnen einer solchen Einrichtung sind daher gezwungen, ihren vielleicht schon seit Jahrzehnten gewohnten Tagesablauf zu ändern und an den Interessen der In­stitution neu auszurichten. Dabei lässt sich aber eindeutig nachweisen, dass Be­wohnerinnen die ihren Tagesablauf nach Gutdünken einteilen können, zufriede­ner und aktiver sind als solche, die in ih­rer Tagesgestaltung Reglementierungen unterliegen.

Zusammenfassend bleibt festzuhalten, dass bei allen positiven inhaltlichen Ent­wicklungen, die in den vergangenen Jah­ren in vielen Heimen trotz widriger Rah­menbedingungen vollzogen wurden, die Wohnsituation in vielen Einrichtungen nach wie vor unbefriedigend ist. Um die Interessen und Bedürfnisse der dort le­benden alten Menschen zu wahren, ist der Gesetzgeber daher aufgefordert, für die BewohnerInnen einen Rechtsanspruch  auf ein Einzelzimmer zu schaffen. Innerhalb vieler Heime bedarf es außerdem weiterer Bemühungen  beispielsweise durch Änderungen orga­nisatorischer Abläufe oder durch Fortbil­dungsmaßnahmen für Mitarbeiterinnen, den verbliebenen Privatbereich der Bewohnerinnen zu schützen und ihre Autonomie zu fördern.

Anmerkung              

Ausführliche Literaturhinweise zu diesem Artikel sind bei der MabuseRedaktion erhältlich.

Michael GraberDünow

geb. 1957, Altenpfleger, Sozialarbeiter und Heimleiter in Frankfurt am Main. In Dr. med. Mabuse schreibt er regelmäßig über Themen aus dem Bereich der Altenpflege.