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Kriterien für soziale Kontakte

 

a)      Matthias C. Angermeyer: Mitten in der Gemeinde und doch allein?

Eine quantitative Untersuchung des sozialen Netzwerks von Bewohnern psychiatrischer Übergangswohnheime.

In: Gruppenpsychother. Gruppendynamik 19, Göttingen, 1984, S. 313f.

 

Wie ge­stalten sich die sozialen Beziehungen psychisch Kranker draußen in der Gesellschaft? Verfügen diese Menschen dort über ein funktionierendes, tragendes soziales Netzwerk oder leben sie eher eine marginale Existenz in weitgehender Isolation bzw. inmitten einer Subkultur von gleichfalls psychisch Kranken?

In einer ersten Annäherung an das hier skizzierte Problemfeld unter­suchten wir die Beziehungssituation von Bewohnern zweier psychiatrischer Übergangswohnheime. Als theoretischer Bezugsrahmen diente uns für unsere Studie die von dem amerikanischen Soziologen R. S. Weiss (1975) entwickelte Typologie von Bedürfnisdispositionen, die für soziale Bezie­hungen als bestimmend angenommen werden. Basierend auf eigenen em­pirischen Untersuchungen unterscheidet Weiss 6 Bedürfnisqualitäten, für deren Befriedigung jeweils ganz bestimmte Beziehungsformen prädestiniert erscheinen.

Diese sollen im Folgenden kurz charakterisiert werden:

1. Eine enge Bindung an einen anderen Menschen (attachment), die erste Kategorie in Weiss’ Modell, realisiert sich in einer Beziehung, die das Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermittelt. Ist ein Individuum nicht in eine solche Beziehung eingebunden, so kommt es zur emotio­nalen Vereinsamung. Für enge Bindungen bieten sich in erster Linie Ehe (Partner) an, daneben auch gute Freunde und Familienangehörige.

2. Soziale Integration (social Integration) findet man in der Gesellschaft von Menschen mit gleichen Interessen. Eine wichtige Rolle spielt hier das kommunikative Element: Anregungen, Informationen, Meinungen können ausgetauscht werden, gemeinsam Interpretationen für die so­ziale Realitätserfahrung und Handlungsstrategien entwickelt werden Ein Netz solcher Beziehungen bildet die Voraussetzung für Geselligkeit und aktive Teilhabe am sozialen Geschehen. Ohne derartige Beziehungen wird das Leben eintönig und trist, man gerät ins gesellschaftliche Abseits

3. Das Gefühl, von anderen Menschen gebraucht zu werden (opportunity for nurturance), stellt sich vorrangig bei Erwachsenen ein, die für das Wohlergehen eines Kindes verantwortlich sind. Für ein Kind zu sorgen gibt dem Leben subjektiv einen Inhalt; es werden Perspektiven eröff­net, für die es sich zu engagieren lohnt. Verfügt ein Mensch nicht über eine solche Beziehung, läuft er Gefahr, sich als Person überflüssig vor­zukommen.

4. Beziehungen, in denen man seine Rollenkompetenz unter Beweis stel­len kann, tragen zur Selbstwertbestätigung bei (reassurance of worth). Von Bedeutung sind hier Beziehungen zu Arbeitskollegen, aber auch intrafamiliäre Beziehungen. Defizite in diesem Bereich führen zu einem Mangel an Selbstachtung.

5. Das Gefühl einer zuverlässigen Beziehung zu jemand, auf dessen Unter­stützung man bauen kann und der früher erhaltene und geleistete Hilfe nicht gegeneinander aufrechnet (sense of reliable alliance), bestimmt das Verhältnis zu Verwandten. Menschen ohne Familie leben deshalb mit dem ständigen Gefühl, auf sich allein verwiesen zu sein; sie kommen sich schutzlos vor oder fühlen sich im Stich gelassen.

6. Die Gewißheit, sich an anderen Menschen orientieren zu können (ob­taining of guidance) scheint besonders in Stress-Situationen wichtig zu sein. Kann man auf jemand zurückgreifen, der für einen Autorität be­sitzt, so verschafft dies einem emotionale Erleichterung und man bleibt weiterhin handlungsfähig. Fehlt eine solche Bezugsperson, droht Orien­tierungslosigkeit, Unsicherheit und Angst.

In der folgenden Übersicht sind noch einmal die verschiedenen Bedürf­nisqualitäten, die für ihre Befriedigung besonders relevanten Bezugspersonen sowie mögliche Auswirkungen von Defiziten zusammengefaßt:

 

Kategorie

Bezugspersonen

Auswirkungen von Defiziten

1).  Bindung an andere Menschen (attachment)

(Ehe)Partner/ gute Freun­de/ Familienangehörige

emotionale Vereinsamung

2. Soziale Integration (social integration)

Personen mit gleichen Interessen

soziale Vereinsamung

3. Gefühl, von anderen gebraucht zu werden (opportunity for nurturance)

Eltern-Kind-Beziehung

Gefühl, als Person überflüssig zu sein

4. Selbstwertbestätigung (reassurance of worth)

Arbeitskollegen/ Familie

mangelnde Selbstachtung

5. Gefühl einer zuverlässigen Beziehung (sense of reliable alliance)

Verwandtschaft

Gefühl, ungeschützt zu sein

 

6. Sich an anderen orientieren können (obtaining og guidance)

Personen, die für einen Autorität besitzen

Orientierungslosigkeit, Unsicherheit