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A.               Grundsätze der QS

Beschreibt die allgemeinen Richtlinien, Gesetze und Maßstäbe, die der Betreuungsarbeit zugrunde liegen

1.                 LOGO-Erklärung

 

Das Logo (gezeichnet von Gerd Look, 31749 Auetal-Kathrinhagen) nennt fünf Tätigkeiten der Betreuungsarbeit und im äußeren Kreis zwei Prinzipien. Außerdem zu sehen: zwei versetzte Fünfecke und einen stilisierten Menschen im Mittelpunkt.

a)                  Zwei Prinzipien

Als Dach fungieren zwei Worte: tutela hominis (in der lateinischen Buchstabenschrift mit u=v), was heißt: der Schutz des Menschen, Beschützung der Gattung des Menschen. In lateinischer Sprache deshalb, weil ungeachtet aller an heutigen Maßstäben gemessenen Menschenrechtsverletzungen der Römer vor zweitausend Jahren hinsichtlich der Sklaverei, der Politik von Brot und Spielen mit dem Tod Tausender im Circus, der Unterdrückung anderer Völker unser heutiges Recht und auch der Respekt vor dem Menschen auf römisches Recht zurückgeht. Die Verbindung christlicher Werte mit römischen Rechtsvorstellungen in der Herstellung der Verbindung von Christentum und Staat im Edikt von Mailand 312 schuf erst die Möglichkeit, Menschenwürde als dem Menschen von Natur zukommenden Wert anzuerkennen. – Wobei keineswegs verkannt werden soll, wieviel Menschen seitdem nicht nur in diesem Land, sondern weltweit unter der Durchsetzung dieser Prinzipien des Abendlandes gelitten haben, gemordet und enteignet, geschunden und gedemütigt wurden.

Der zweite Teil des umgebenden Kreises heißt: cura dignitatis und meint die Sorge um eben diese Menschenwürde, die ständig aufs neue – auch heute – bedroht ist. Menschenrechtsverletzungen passieren nicht nur in Afrika und Asien und grundsätzlich nicht bei uns, sondern auch bei uns: der Farbige, der quer durch die Stadt gejagt wird; der Behinderte, der aus seinem Rollstuhl gekippt wird; der Alkoholiker, der bestohlen wird; der geistig Behinderte, der gehänselt wird; das Kind, das laut Gerichtsurteil nur zu bestimmten Zeiten laut sein darf.  All dies Beispiele für den Umgang der „zivilisierten“ Welt, die nicht bereit ist, Andersartigkeit als Teil ihrer selbst zu akzeptieren. Zwar sind wir vom organisierten Massenmord des Deutschen Reiches weit entfernt, aber die Ausgrenzungsmechanismen sind nach wie vor gültig und verschaffen sich in einzelnen Aktionen nicht nur  organisierter Rechtsradikaler immer wieder Geltung. Gemeinsam ist allen Opfern, daß sie eben nicht über eine „Hausmacht“ in diesem Staat verfügen. Hier verstehe ich Betreuungsarbeit als Beitrag zur Durchsetzung der gesellschaftlichen Anerkennung eines Behinderten, eines Kranken, eines Alten.

b)                 Fünfeck

Das Fünfeck galt den Pythagoreern [1] vor 2500 Jahren als Symbol für die körperliche und geistige Unversehrtheit des Menschen, die Einheit von Leib und Seele. In die fünf Ecken sind die vier Gliedmaßen und der Kopf einbeschrieben. Das versetzte Fünfeck verdeutlicht die Verschobenheit und Verletzlichkeit der Einheit und lässt auch die jedem Menschen eigenen „dunklen“ Teile seines Lebens aufscheinen, die dann auch die Notwendigkeit einer Betreuung erfordern. (Dass der Fünfstern auch allerlei andere symbolische Deutungen erfährt, ist mir bewusst, ändert aber nichts am Gesagten)

c)                  Fünf Tätigkeiten

Parallel zu den fünf Ecken gelten mir fünf Tätigkeiten als wichtigste Aspekte der Betreuungsarbeit. Als Basis dient das Vertreten als vom Gesetzgeber benannte Legitimation für diese Arbeit: die gesetzliche Vertretung des Betreuten ist stets das gesellschaftliche Instrument, mit dem der Sozialstaat die Beziehungen seiner Bürger regelt, die dies nicht mehr selbst wahrnehmen können. Bewahren bezieht sich auf mehrere Ebenen des Lebens des betreuten Menschen: auf seine Unversehrtheit in körperlicher und geistiger Hinsicht, auf seine Beziehungen und auch auf sein Vermögen. Das Bewahren vor Schaden ist impliziert und auch gesetzlicher Auftrag des Betreuers. Helfen ist immer dort nötig, wo Hilfe erbeten wird – explizit und implizit. Dass ein Betreuer hier an Grenzen stossen kann, ist offensichtlich und dann nicht verwerflich, wenn die eigenen Grenzen offengelegt werden und der Betreuer weiteren Schritten nicht im Wege steht, sondern gemeinsam nach einem weiterführenden Weg gesucht wird. Schützen korrespondiert mit dem Bewahren und bezieht z.B. geistig Kranke und ihren Anspruch auf Unversehrtheit in der Psychiatrie ein. Geschützt werden muss auch der Verschuldete vor dem Zugriff seiner Gläubiger oder der Alte vor falscher Pflege und möglicher Gewalt. Das Sorgen meint zunächst ein „sorgen für..“: das Nötige, Hilfe, Wohnung, das Lebensnotwendige. Das Sorgen meint aber auch ein „sorgen um..“: einen umfassenderen Blickwinkel für die Bedürfnisse des Betreuten – ohne das eigene Ideal als Maßstab zu übertragen.

d)                 Der Mensch

Im Mittelpunkt von Prinzipienkreis, versetztem Fünfeck und Betreuungstätigkeiten steht der Mensch: als Individuum mit einer einzigartigen Biographie versehen, der der Betreuer gerecht werden soll – und als Gattungswesen, das allen gemeinsame Ansprüche stellt.

2.                 Ethik – Wohl des Betreuten

Der einschlägige Paragraph des Betreuungsrechts (BGB §1901) sagt:

(1)          Die Betreuung umfasst alle Tätigkeiten, die erforderlich sind, um die Angelegenheiten des Betreuten nach Maßgabe der folgenden Vorschriften rechtlich zu besorgen.

(2)          Der Betreuer hat die Angelegenheiten des Betreuten zu besorgen, wie es dessen Wohl entspricht. Zum Wohl des Betreuten gehört auch die Möglichkeit, im Rahmen seiner Fähigkeiten sein Leben nach seinen eigenen Wünschen und Vorstellungen zu gestalten.

(3)          Der Betreuer hat Wünschen des Betreuten zu entsprechen, soweit dies dessen Wohl nicht zuwiderläuft und dem Betreuer zuzumuten ist. Dies gilt auch für Wünsche, die der Betreute vor der Bestellung des Betreuers geäußert hat, es sei denn, daß er an diesen Wünschen erkennbar nicht festhalten will. Ehe der Betreuer wichtige Angelegenheiten erledigt, bespricht er sie mit dem Betreuten, sofern dies dessen Wohl nicht zuwiderläuft.

(4)          Innerhalb seines Aufgabenkreises hat der Betreuer dazu beizutragen, daß Möglichkeiten genutzt werden, die Krankheit oder Behinderung des Betreuten zu beseitigen, zu bessern, ihre Verschlimmerung zu verhüten oder ihre Folgen zu mildern.

(5)          Werden dem Betreuer Umstände bekannt, die eine Aufhebung der Betreuung ermöglichen, so hat er dies dem Vormundschaftsgericht mitzuteilen. Gleiches gilt für Umstände, die eine Einschränkung des Aufgabenkreises ermöglichen oder dessen Erweiterung, die Bestellung eines weiteren Betreuers oder die Anordnung eines Einwilligungsvorbehalts (§ 1903) erfordern.

Was aber ist das Wohl des Betreuten? Alles das, was er möchte? Alles das, was er immer schon wollte? Alles, was er sich leisten kann? Alles, wozu er fähig ist?

Worin hat dies Wollen eine Grenze? Es sind dies mehrere Grenzen: zum einen setzt das bürgerliche Recht auch für Betreute die Maßstäbe gesellschaftlichen Handelns – Recht und Unrecht gelten genauso wie für Nichtbetreute; zum zweiten ergibt sich daraus für jedes Gesellschaftsmitglied eine Abwägung des Wollens an den Möglichkeiten der Realisierung – reichen die geistigen, körperlichen und finanziellen Ressourcen aus für das, was ich vorhabe; hier stößt der Betreute an seine dritte Einschränkung der  Verantwortung des Betreuers für sein Wohl. Im Zweifel gilt zunächst die Einschätzung des Betreuers, daß eine Handlung dem Wohl des Betreuten zuwiderläuft. Nun kann der Verzehr eines Speiseeises eine Handlung sein, die den Betreuer wirklich gar nichts angeht; andererseits kann ein Speiseeis aber u.U. bei einem psychisch Kranken ungeahnte Verhaltensweisen auslösen. Wenn der Betreuer davon weiß, kann er versuchen, es zu verhindern – unterbinden kann er es nicht. Das Wohl des Betreuten schließt nach allgemeiner Auffassung auch das Recht auf Krankheit, das Recht auf Anderssein, das Recht, selbstbestimmt Ich zu sagen ein – auch wenn alle anderen eine andere Meinung haben.

Das Wohl des Betreuten stellt zuerst die Vorstellung von Normen und Idealen des Betreuers auf die Probe, seine Vorurteile hat er zu prüfen – und allenfalls nach einer Prüfung zum Maßstab eines Einwirkens auf den Betreuten zu erheben. In diesem Fall hat er eine zu begründende Meinung zu vertreten – die ggf. auch revidierbar zu sein hat. Gemäß der Veränderung gesellschaftlicher Normen und Leitbilder verändern sich auch Vorstellungen von vertretbaren Handlungen Betreuter: in der Literatur wird der Wunsch eines Behinderten nach dem Besuch einer Prostituierten als vom Betreuer zu unterstützender Wunsch benannt. Ob eine solche Handlung dem Betreuer zumutbar ist, entscheidet dieser nach seinem Gewissen. Im Zweifel hat der Wille des Betreuten Vorrang und der Betreuer sich zu fragen, ob er der Richtige für diesen Betreuten ist. Sicherlich nicht zu unterstützen wäre der Wunsch – bei vorhandenem entsprechenden Vermögen – solcherart Abenteuer auf einer Sextourismus-Reise nach Thailand zu suchen.

Entscheidend für die Betreuungsarbeit ist die Begründbarkeit und Nachvollziehbarkeit aller Betreuerentscheidungen hinsichtlich der Diskussion mit dem Betreuten, ggf. der Einholung von Informationen über die zu entscheidende Sache, ggf. der Gesetzeslage und der Offenlegung der Wertvorstellungen der Betreuers. Alle Unstimmigkeiten sollten in einer Form protokolliert werden, die Außenstehenden eine Prüfung ermöglichen würde. Nicht der Betreute hat sein Interesse zu begründen, sondern der Betreuer gründlich darzulegen, warum er dem nicht zu folgen bereit ist.