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Thomas Bock

Gratwanderung

Zehn Thesen zum Umgang mit Psychosen (aus: Th. Bock, J.E. Deranders, I. Esterer: Im Strom der Ideen. Stimmenreiche Mitteilungen über den Wahnsinn. Psychiatrie-Verlag, 2. Aufl. Bonn, 1998)

 

Genießen Sie die folgenden Zeilen mit äußerster Vorsicht. Widersprechen Sie innerlich auf das heftigste. Letztlich ist es notwendig, dass der einzelne, der im Umgang mit einer Psychose (bei sich oder anderen) gefordert ist, zu einer für ihn bzw. seine Angehörigen, bzw. seinen Aufgabenbereich passende Haltung findet. Wenn er oder sie dann noch möglichst wenig Realität ausblendet, umso besser. Jede Psychose hat ihre individuelle Ausprägung und ihre höchst eigene biographische Geschichte (vergl. die 20 Thesen zum Wesen einer Psychose im Buch »Stimmenreich«). Entsprechendes gilt natürlich auch für den Umgang mit Psychosen.

Wenn ich im Folgenden versuche, Thesen für den Umgang mit Psychosen aufzustellen, dann möchte ich mich bemühen, Psychose-Erfahrene, Angehörige und Profis gleichzeitig im Sinn zu haben und anzusprechen. Das Ziel ist es, diese jeweils verknüpften Personen ins Gespräch miteinander zu bringen. Allgemeine Wahrheiten und allgemeine Regeln gibt es in diesem Bereich nicht.

 

Die Nullregel

Das professionelle Wissen über Psychosen ist dürftig. Professionelle Mitarbeiter, die nach allgemeinen Regeln für den Umgang mit Psychosen suchen, landen bei vereinfachenden Platitüden oder in heilloser Verwirrung und auf beiden Wegen schließlich bei der Frustration ihrer guten Absichten.

Angehörige sind im Umgang mit psychotischen Menschen ebenfalls häufig ratlos und verwirrt. Das Geschehen des Gegenübers scheint sich zu übertragen. Es ist in seinen Wurzeln mit der eigenen Lebensgeschichte so vielfältig verwoben, dass es unendlich schwerfällt, sich auf sich selbst zu besinnen, obwohl es besonders nötig ist.

Die Verunsicherung, die Mitarbeiter und Angehörige erfahren, erlaubt eine winzige Ahnung von dem, was sich in einem psychotischen Menschen abspielt. Ihre Orientierungslosigkeit spiegelt das individuelle Chaos und zugleich die Brüchigkeit familiärer und gesellschaftlicher Einbindung. Hat sich dieser Zustand in einer Psychose verdichtet, ist es schwer, sich der Verunsicherung zu entziehen.

Ein Handeln kann sich also letztlich nur ergeben aus dem Versuch, die jeweils einzelne Situation zu verstehen, auch wenn die Situationen Gemeinsamkeiten haben.

Auf dieser Grundlage die folgenden Thesen:

1. Versicherung

Wenn eine Psychose u. a. eine Verunsicherung des Selbstbewusstseins, vielleicht auch den Verlust von eigenen Grenzen bedeutet, dann macht es keinen Sinn, wenn die umgebenden Menschen »selbstlos« handeln. Im Gegenteil ist es so schwierig wie wichtig, sich auf sich selbst zu besinnen, die eigene Position und die eigenen Interessen zwar zu reflektieren, aber die eigene Klarheit nicht aufzugeben. In diesem Sinne Selbstbewusstsein zu zeigen, heißt nicht Stärke um jeden Preis, sondern hat viele verschiedene Facetten.

Für die Betroffenen kann dieser Zustand erfordern, Räume aufzusuchen und zu pflegen, die »selbstverständlich« sind, Personen um sich zu haben, die wohlwollend sind, ohne zu nahe zu kommen, einen Rhythmus zu bewahren, der Halt gibt, ohne zu unter- oder zu überfordern.

Notwendig ist eine Gratwanderung zwischen der Versuchung, den anderen zu bestimmen, und der Gefahr, ihn in die Leere laufen zu lassen. Notwendig ist vor allem Respekt dem Menschen gegenüber. Die Angst, verrückt zu werden oder zu sein, vergrößert sich im Spiegel der Ablehnung durch andere.

2. Vergewisserung

Wenn eine Psychose die Veränderung der Wahrnehmung bedeutet (im Sinne von Erweiterung oder Beeinträchtigung), eine Entfremdung von der Realität, so kann das einen komplizierten Prozess der

Vergewisserung notwendig machen, der am besten beim Einfachsten und Naheliegendsten beginnt. Die diagnostische Frage: »Welcher Tag ist heute, bekommt als Feststellung eine andere Bedeutung: »Heute ist der Soundsovielte. Lassen Sie uns rekonstruieren, was zuletzt passiert ist und was Sie noch erinnern

In dieser Phase macht es wenig Sinn, Wahrheiten zu behaupten oder zu bewerten. Notwendig ist, den eigenen Realitätsbezug zu bewahren und die Wahrheit des anderen für wahr zu halten, d.h. Respekt zu signalisieren für die Wahrnehmungen des anderen ohne Anbiederung und Selbstverleugnung.

3. Entwicklung

Wenn eine Psychose auch so etwas ist wie eine Rückbesinnung auf frühere Entwicklungsstufen, die (scheinbar) aktuell mehr Sicherheit bieten, dann wird so ein tiefer seelischer Konflikt möglicherweise vorübergehend aufgehoben und zugleich aber auch verschärft. Die Gleichzeitigkeit verschiedener physischer und psychischer Entwicklungsstufen bedeutet für den Betreffenden, vor allem aber für seine Angehörigen und eingeschränkt auch für die Profis, eine schwierige Balance zwischen den beiden Polen, einerseits Respekt zu zeigen für kindliche oder pubertäre Bedürfnisse, für erotische oder aggressive Spannungen und andererseits die reale Person des anderen, die realen Beziehungen der Gegenwart und nicht zuletzt die erreichte eigene Entwicklung zu achten.

Auf dieser Basis lassen sich dann auch vorsichtig die Regeln bestimmen, über deren Gültigkeit noch Übereinstimmung herrscht, z. B. Straßen bei grün zu überqueren.

4. Rätsel

Wenn Psychosen Rätsel aufgeben, so steckt darin auch die Chance, mehr über sich (als Betroffener, Angehöriger, Profi) und mehr über die Wahrnehmungen des anderen und die Bedingungen des Zusammenlebens zu erfahren. Das kann schmerzhaft und befreiend sein. Die psychotische Kommunikation kann der einzige Ausweg aus diesem Dilemma sein. Alle sind gefordert, ihre Wahrnehmung zu vervollständigen und mehr von sich wahrzumachen. Die jeweils eigenen Fragen und Antworten zu finden, ist sicher nicht leicht. Wechselwirkungen festzustellen, ohne Schuld zu verteilen, ist eine hohe Kunst, die möglicherweise erst mit größerem zeitlichen Abstand gelingen kann.

5. Existenzsicherung

Wenn eine Psychose zum Verlust der eigenen Grenzen führt, kann das große Gefahr bedeuten. Eher für den Betreffenden und seltener auch für andere. An dieser Stelle ist Gegnerschaft gefordert. Die Orientierung an den Grenzen anderer kann die einzige Orientierung sein. Die Sicherung der eigenen Existenz kann vom Handeln anderer abhängen. Für den anderen Gegner/Gegenüber zu sein, ohne ihn klein zu machen, ist eine schwierige Aufgabe.

6. Ängste

Wenn Psychosen mit panischen Ängsten zusammenhängen, so können sich diese quasi durch die Poren auf andere übertragen. Das macht es schwer, Notwendiges zu verwirklichen: räumlicher Schutz, Ruhe ohne neue angstauslösende Reize, körperliche Nähe ohne Grenzüberschreitung, Anwesenheit ohne Forderung, Gelassenheit und Geduld. ökologische Faktoren wie Raum, Ruhe und Zeit sind dabei mindestens genauso wichtig wie persönliche Eigenschaften: Sein zu dürfen, wie man ist. Sich irgendwo aufgehoben fühlen, wo nicht noch zusätzliche Bedrohung herrscht.

Zu einem späteren Zeitpunkt kann es wichtig sein, die Ängste zu sortieren: Was kommt aus dem eigenen Inneren und wird aus welchen biographischen Ereignissen gespeist? Was kommt von außen an realer Menschheitsbedrohung und dringt durch »psychotische« Wahrnehmung gesteigert und ungeschützt ins Innere? Die Suche erfordert Aufmerksamkeit für die Grenzen des anderen. Sie bedeutet eine Gratwanderung zwischen der Aufdeckung und der Beruhigung von Angst.

Es wird oft verkannt, dass manchmal die Angst zeitlich vor dem Ausbruch der Psychose stärker ist als in der akuten Phase, dass sie also durch diese abgelöst oder umgewandelt werden kann. Das legt nahe, die Psychose auch als eine Art Problemlösungsversuch zu sehen. Dieser Aspekt ist gerade für Angehörige, aber auch für Profis schwer wahrzunehmen, obwohl er mehr Gelassenheit ermöglicht.

7. Kontakt

Wenn eine Psychose aus menschlicher Isolation erwächst oder wenn sie sich in Isolation verstärkt, so ergibt sich daraus die Notwendigkeit wie auch die Schwierigkeit, den Kontakt zu halten bzw. herzustellen. Dies geschieht oft in einem langwierigen Ringen. Angehörige sind in dieser Situation besonders wichtig. Aber sie sind andererseits aufgrund der unleugbaren Enttäuschung über den Kontaktabbruch besonders belastet. Auch scheinbar banale Kontakte können dabei wichtig sein, wenn sie »selbstverständlich« sind, auch seltene, wenn sie verlässlich sind. Alltäglichen Kontakt zum Nachbarn, Milchmann, Postboten usw. haben den Vorteil, dass sie »ungefährlich« erscheinen und nicht so sehr mit (wechselseitiger) Enttäuschung verbunden sind.

In diesem Sinne Kontakt zu halten bzw. zu bekommen, ist schwierig, weil zwischen der notwendigen Nähe und der gefürchteten Grenzüberschreitung oft nur Millimeter liegen. In dieser Situation brauchen Angehörige und Profis eine Abstützung in Angehörigen- oder Balint-Gruppen, um den Kontakt zu sich selbst nicht zu verlieren.

8. Grenzen des Verstehens

Wenn ein Mensch sich in der Psychose unverständlich macht, so schützt er sich damit auch vor dem Verstehen. Gewissermaßen prüft er das Bemühen der anderen um Verständnis und entflieht gleichzeitig in einen Bereich, in den letztlich niemand folgen kann. Das bedeutet Einsamkeit und Eigenheit/Unangreifbarkeit. Menschen in Psychosen senden somit eine Doppelbotschaft aus, die zutiefst menschlich ist, weil sie letztlich das Spannungsfeld konzentriert, dem wir alle ausgesetzt sind, dem Spannungsfeld zwischen dem sozialen Angewiesensein und der unausweichlichen Einsamkeit eines jeden Menschen. Um Verständnis zu ringen, ohne Verstehbarkeit zu fordern, also die Eigenheit des anderen zu respektieren, erfordert eine große Genauigkeit mit sich selbst.

9. Unterbewusstsein

Möglicherweise haben neurotisch geplagte Menschen zu viel im Unterbewusstsein abgelagert und zu wenig Zugang mehr von dort ins Bewußtsein. Möglicherweise ist es bei psychotischen Menschen umgekehrt: D. h. sie konnten und können zu wenig dort »loswerden« bzw. werden zeitweilig von dort so überschüttet, dass ihre Realität und Personalität fortgerissen wird. Wenn das so ist, könnte es notwendig sein, diese Einbahnstraße zu öffnen. Psychotherapeutisch notwendig ist der Balanceakt zwischen der Notwendigkeit der schmerzlichen Erinnerung und der Förderung des »Vergessens«.

10. Kreativität/Symbole

Einen Ausdruck seiner selbst zu finden, ohne sich mit der verwirrenden Vielschichtigkeit der eigenen Person ständig rational zu befassen, kann kreatives Tun erlauben.

Möglicherweise ist es gerade in Psychosen wichtig, Wege der Veröffentlichung des inneren Zustands zu finden, ohne die Intimität preiszugeben. Das kann z. B. in symbolischen Handlungen geschehen. Insofern signalisieren Psychosen sowohl kreative Fähigkeiten als auch den Wunsch nach einer (neuen) symbolischen Ordnung. Zu akzeptieren ist dabei, dass symbolhafte kreative Sprache Ausdrucksmittel und Versteck zugleich ist.