Bochumer Arbeitsbogen zur medizinethischen Praxis

 

[Heft 2 der Medizinethischen Materialien: Bochumer Arbeitsbogen zur medizinethischen Praxis. September 1987] (hier zitiert nach Heft 157 der Reihe)

 

Wissenschaftliche und ethische Analyse zur Behandlung eines medizinischen Falles

 

Feststellung der medizinisch-wissenschaftlichen Befunde:

 

Die Grundlage für die Befunderhebung erfolgt nach den anerkannten und bewährten Prinzipien wissenschaftlicher Diagnostik:

 

Allgemeine Überlegungen:

 

Wie lautet die Diagnose des Patienten und wie ist seine Prognose?

Welche Behandlung kann aus medizinischer Sicht angesichts dieser Diagnostik und Prognostik vorgeschlagen werden?

Welche Therapiealternativen können angeboten werden?

Welches sind die allgemeinen Erfolgsaussichten der vorgeschlagenen Therapiemög­lichkeiten?

Welche Prognose besteht ohne die vorgeschlagenen Behandlungen?

 

Spezielle Überlegungen:

 

Wird die ins Auge gefaßte Behandlung dem Patienten medizinisch nutzen? Wird sie die allgemeine Prognose im speziellen Fall günstig beeinflussen? Zu welchem Grade?

Könnte sie dem Patienten in Bezug auf seine Heilung oder sein Wohlbefinden scha­den?

In welchem Ausmaß? Wie wägen sich Nutzen und Schäden gegeneinander ab?

 

Ärztliches Handeln:

 

Liegen adäquate Behandlungsvoraussetzungen vor: Personelle? Team? technisch­apparative? Berücksichtigung des Standes der medizinischen Forschung und ärztlichen Erfahrung?

Welche wichtigen Fakten sind unbekannt?

Sind die benutzten medizinischen Schlüsselbegriffe hinreichend klar?

 

Zusammenfassung:

 

Welche Behandlung wäre optimal angesichts des medizinisch-wissenschaftlichen Befundes?

 

Feststellung der medizinethischen Befunde

 

Die Grundlage für die Befunderhebung ist eine Bewertung nach den folgenden drei Prinzipien:

 

Gesundheit und Wohlbefinden des Patienten:

 

Welche Schäden können bei den einzelnen alternativen Therapieweisen auftreten? (Verschlechterung des Wohlbefindens, Schmerzen, Lebensverkürzung? Körperliche oder geistige Beeinträchtigung des Patienten? Angst?)

Selbstbestimmung des Patienten:

 

Was ist über das Wertsystem des Patienten bekannt? Welche Einstellung hat der Patient intensivmedizinischen, palliativen oder reanimierenden Behandlungsformen gegenüber?

Ist der Patient über Diagnose, Prognose und Therapie hinreichend informiert?

Wie weit kann der Patient in die Bewertung einbezogen werden oder inwieweit kann sie ihm ganz überlassen werden? Wer kann sonst stellvertretende Entscheidungen für den Patienten fällen?

Stimmt der Patient der Therapie zu?

Ärztliche Verantwortung:

 

Gibt es Konflikte zwischen der ethischen Beurteilung des Arztes, des Patienten, des Pflegeteams oder der Familie? Kann ein solcher Konflikt durch eine bestimmte Behandlungsoption gemildert oder beseitigt werden? Wie wird sichergestellt, daß insbesondere auch die folgenden Prinzipien nicht verletzt werden: das Vertrauensverhältnis zwischen Patient und Arzt, das Prinzip der Wahrhaftigkeit und Glaubwürdigkeit und die ärztliche Schweigepflicht? Welche wichtigen Fakten sind unbekannt?

Sind die benutzten ethischen Schlüsselbegriffe und ihr Verhältnis zueinander hinreichend klar?

 

Zusammenfassung:

 

Welche Behandlung wäre optimal angesichts des medizinethischen Befundes?

 

Behandlung des Falles

 

Welche Optionen (alternative Lösungsmöglichkeiten) bieten sich angesichts eines möglichen Konfliktes zwischen medizinisch-wissenschaftlichen und medizinethischen Befunden an? Welche der vorgenannten wissenschaftlichen und ethischen Kriterien sind von diesen alternativen Optionen betroffen?

Welche Optionen würden im Wertprofil des Patienten am angemessensten sein?

Wer könnte oder sollte als Berater hinzugezogen werden?

Ist eine Überweisung des Falles aus medizinischen oder ethischen Gründen an andere angezeigt?

Was sind die konkreten Verpflichtungen des Arztes bei der gewählten Behandlung?

Was sind die Verpflichtungen des Patienten, des Pflegepersonals, der Familie, des Gesundheitswesens?

Gibt es Argumente gegen die Entscheidung?

Wie ist diesen Argumenten zu begegnen? Ist die Entscheidung ethisch konsensfähig? Für wen? Warum?

Wurde sie mit dem Patienten diskutiert und seine Zustimmung erreicht?

Revision der Entscheidung?

 

Zusammenfassung:

 

Welche Entscheidung wurde angesichts des Verbundes zwischen den medizinischwissenschaftlichen und den medizinethischen Befunden und der vorgenommene Güterabwägung getroffen?

Wie lassen sich die medizinethischen Entscheidungen und die vorgenommenen Güterabwägungen klar und kurz zusammenfassen?

 

Zusätzliche Fragen zur ethischen Bewertung

 

  1. Bei Fällen von langdauernder Behandlung:

 

Werden die eingeschlagene medizinische Behandlung und ihre ethische Bewertung routinemäßig überprüft?

Ist die Behandlung flexibel genug, um sich ändernden medizinisch-wissenschaftlichen und medizinethischen Befunden anzupassen?

Was ist bei unvorhergesehenem Auftreten medizinisch-wissenschaftlicher oder medizinethischer völlig neuer Befunde am Behandlungsgesamt zu ändern?

Wie steht der Patient zur Änderung der Behandlungsstrategie?

Erfolgt bei infauster Prognose eine Abwägung zwischen intensivmedizinischen und palliativen Therapiemaßnahmen?

Ist sichergestellt, daß hierbei der explizite oder mutmaßliche Wille des Patienten berücksichtigt wird?

 

2. Bei Fällen von erheblicher sozialer Relevanz:

 

Welche familiären, emotionalen, lebensstilrelevanten, beruflichen oder ökonomischen Folgelasten entstehen?

Können diese Folgelasten vom Patienten, seinen Angehörigen oder der Solidargemeinschaft getragen werden?

Wird die soziale Integration des Patienten, seine Lebensfreude und Persönlichkeitsentfaltung gefördert?

Welche Bedeutung hat die Beantwortung dieser Fragen für die medizinwissenschaftliche und die medizinethische Güterabwägung?

 

3. Bei Fällen therapeutischer oder nichttherapeutischer Forschung:

 

Ist die Versuchsanordnung angesichts der medizinethischen Aspekte optimal?

Ist die Forschung notwendig? Hat der Proband/Patient nach Aufklärung seine Zustimmung gegeben?

Welche Gründe könnte es dafür geben, daß die Aufklärung nicht vollständig war oder nicht voll verstanden wurde?

Welche Gründe könnte es dafür geben, daß der Proband/Patient nicht völlig freiwillig seine Zustimmung erteilt hat?

Ist sichergestellt, daß bei der Auswahl der Patienten diese nicht gegenüber anderen Patienten bevorzugt oder benachteiligt werden?

Hat der Proband/Patient das Recht, jederzeit die Teilnahme am Versuch zu beenden, und ist ihm dies hinreichend und in verständlicher Form mitgeteilt worden?