Thomas Müntzer

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Ausschnitte aus einem Referat zur Übertragung des 19. Psalms

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Literatur

Autor/Herausgeber

Titel

Zeitschrift

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Ort

Jahr-gang

Auf-lage

Akademie der Wissenschaften der DDR

Probleme des Müntzerbildes.

Sitzungsberichte. Gesellschaftswissenschaften

6

Berlin

1988

 

Albrecht, Thorsten; Bonsdorff, Jan von

Thomas Müntzer und die Sprachwirklichkeit zur Zeit der frühbürgerlichen Revolution

Mühlhauser Beiträge Heft 12

 

Mühlhausen

1989

 

Blickle, Peter

Die Revolution von 1525

 

 

München, Wien

1983

2

Bloch, Ernst

Thomas Müntzer als Theologe der Revolution

 

 

Frankfurt a. M.

1969

 

Bornkamm, Heinrich

Mystik, Spiritualismus und die Anfänge des Pietismus im Luthertum

 

 

Gießen

1926

 

Bräuer, Siegfried; Junghans, Helmar

Der Theologe Thomas Müntzer

 

 

Göttingen

1989

 

Buszello, Horst; Blickle, Peter; Endres, Rudolf

Der deutsche Bauernkrieg

 

 

Stuttgart

1995

3

Damke, Christoph

Thomas Müntzer.Anfragen an Theologie und Kirche

 

 

Berlin

1977

 

Dülmen, Richard van

Reformation als Revolution

 

 

München

1977

 

Elliger,

Thomas Müntzer

 

 

Göttingen

1976

3

Engels, Friedrich

Der deutsche Bauernkrieg

 

 

Leipzig

1975

 

Fast, H.

Der linke Flügel der Reformation.

Samml.Dietrich, Bd.269

 

 

Bremen

1962

 

Fischer, Ludwig

Die lutherischen Pamphlete gegen Thomas Müntzer

 

 

Tübingen

1976

 

Friesen, Abraham; Goertz, Hans-Jürgen

Thomas Müntzer

Wege der Forschung

491

Darmstadt

1978

 

Goertz, Hans-Jürgen

Antiklerikalismus und Reformation

 

 

Göttingen

1995

 

Goertz, Hans-Jürgen

Thomas Müntzer. Mystiker- Apokalyptiker - Revolutionär

 

 

München

1989

 

Grane, Leif

Die Confessio Augustana. Einf. in die Hauptgedanken der lutherischen Reformation

 

 

Stuttgart

1996

5

Griese, Christiane

Luthers Reise ins Aufstandsgebiet vom 16.4.1525 bis zum 6.5.1525

Mühlhauser Beiträge Heft 12

 

Mühlhausen

1989

 

Hinrichs, Carl

Luther und Müntzer

 

 

Berlin

1962

2

Honemeyer, Karl

Thomas Müntzer und Martin Luther. Ihr Ringen um die Musik im Gottesdienst

 

 

Berlin

1974

 

Joachim von Fiore

Das Reich des Heiligen Geistes. Hg. Rosenberg, Alfons

 

 

Bietigheim

1977

 

Junghans,

Die Reformation

 

 

 

 

 

Kaczerowsky, Klaus

Flugschriften des Bauernkrieges

 

 

Reinbek

1970

 

Kähler, Ernst

Karlstadt und Augustin. Der Kommentar des Andreas Bodenstein von Karlstadt zu Augustins Schrift De spiritu et littera

 

 

Halle/Saale

1952

 

Kobuch, Manfred

Der Aufruf der Gemeinde zu Mühlhausen vom 9. Mai 1525 an die Dörfer des....

Mühlhauser Beiträge Heft 13

 

Mühlhausen

1990

 

Lauerwald, Paul

Thomas Müntzer und Nordhausen - Ergebnisse und Probleme der regionalgeschichtlichen Forschung

Mühlhauser Beiträge Heft 13

 

Mühlhausen

1990

 

Leisering, Eckhart

Die Anhänger Thomas Müntzers in Mühlhausen - soziale Zusammensetzung und politische Aktivitäten

Mühlhauser Beiträge Heft 13

 

Mühlhausen

1990

 

Lesanovsky, Werner

"Der gemeine Mann muß selbst gelehrt werden" - Zur Reflexion bildungspolitischer und pädagogischer Gedanken Thomas Müntzers im Wirken August Bebels

Mühlhauser Beiträge Heft 12

 

Mühlhausen

1989

 

List, Günther

Chiliastische Utopie und radikale Reformation.

Humanistische Bibliothek

R.1, Bd.14

München

1973

 

Lohse, Bernhard

Thomas Müntzer in neuer Sicht

Berichte der Jungius-Gesellschaft

Jg.9/2

Hamburg

1991

 

Looß

Nachdenken über Müntzer

Mühlhauser Beiträge Heft 12

 

Mühlhausen

1989

 

Luhn, Rolf

Müntzer- und Bauernkriegfeiern fortschrittlicher Sozialdemokraten in Thüringen 1925

Mühlhauser Beiträge Heft 12

 

Mühlhausen

1989

 

Luther, Martin

Ausgewählte Schriften, Bd.2

 

 

Frankfurt/M.

1982

 

Luther, Martin

Die Hauptschriften

 

 

Berlin

 

3

Müntzer, Thomas

Schriften und Briefe. Kritische GA

 

 

Gütersloh

1968

 

Prenter, Regin

Spiritus Creator. Studien zu Luthers Theologie

 

 

München

1964

 

Schmidt-Clausing, F.

Zwingli als Liturgiker

 

 

 

1952

 

Steinmetz, Max

Das Müntzerbild von Martin Luther bis Friedrich Engels

 

 

Berlin

1971

 

Streich, Gerhard

Klöster, Stifte und Kommenden in Niedersachsen vor der Reformation mit einem Quellen und Literaturanhang zur kirchl.Gliederung Nieders. um 1500. Stud.u.Vorarbeiten..30

 

 

Hildesheim

1986

1

Sünder, Martin

Zum Aufenthalt Thomas Müntzers 1524 in Mühlhausen

Mühlhauser Beiträge Heft 12

 

Mühlhausen

1989

 

Trusen, Winfried

Um die Reform und Einheit der Kirche. Zum Leben und Werk Georg Witzels

 

 

Münster

1957

 

Vogler, Günter

Thomas Müntzer

 

 

Berlin

1989

 

Volz, H.

Drei Schriften gegen Luthers Schmalkaldische Artikel

 

 

Münster

1932

 

Wappler, Paul

Die Täuferbewegung in Thüringen von 1526-1584

 

 

Jena

1913

 

Wohlfeil, Rainer

Bauernkrieg und Reformation

Nymphenburger Texte zur Wissenschaft

21

München

1975

 

Zimmermann, Wilhelm

Der große deutsche Bauernkrieg

 

 

Köln

1999

 

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Ein interessanter Link zu Thomas Müntzer, zum Bauernkrieg und zu anderen kriegerischen Auseinandersetzungen:

http://www.altern.org/felix2/deutsch/index.html

Referat-Auszüge zur Übertragung des 19. Psalms von Thomas Müntzer

A. Einleitung    

B. Warum Psalm 19?  

C. Die Übertragung des 19.Psalms durch Thomas Müntzer im Deutschen Kirchenamt

1 Verse 1 bis 4           

c) Die "kunst Gottis"   

d) Das "Evangelium aller Kreatur"       

C 2 Verse 5 - 7          

a) Im Psalm schließt der Vers 5          

b) Ludwig van Beethovens 9. Symphonie       

Exkurs: Himmlisches Licht       

C 3 Verse 8 -9           

a) Durch Leiden zur Erkenntnis Gottes

b) Das Schwert Gottes           

c) Das Gesetz Gottes  

C 4 Die Furcht Gottes

A. Einleitung

Das Thema dieses Vortrags soll der 19. Psalm sein, so wie Thomas Müntzer ihn aus der lateinischen Sprache in seine Sprache übertragen hat. Die Germanisten nennen dies frühneuhochdeutsch. Die deutsche Sprache als Kommunikationsmittel im Gebrauch der Kirche bildet sich gerade erst, das Volk sprach seit alters seine eigenen Dialekte. Es existieren von Ort zu Ort große Unterschiede im Sprechen und noch mehr im Schreiben. Frühneuhochdeutsch klingt zwar ungewohnt, läßt sich aber meist - im Unterschied zu noch früheren Stadien deutscher Sprache - ohne Lexikon verstehen.

1523 geht Thomas Müntzer als Pfarrer in Allstedt daran, das lateinische Stundengebet der katholischen - also der einzigen damals existierenden Kirche - ins Deutsche zu übertragen. Auch die Reformierten sollten nach seiner Einschätzung täglich Gottesdienst halten und die Gebetszeiten des Tages, wie sie sich in den Anweisungen vor allem Benedikts finden, einhalten. So entstehen fünf Gottesdienstordnungen zu den wichtigsten Festen des Kirchenjahres (Advent, Weihnachten, Passion, Ostern und Pfingsten), die sich in der Folge von Psalmen, Lesungen und Responsorien eng an die lateinischen Vorlagen halten und auch die Melodien der alten Gesänge ohne größere Eingriffe übernehmen. Das wesentliche spielt sich im Text ab. Müntzer war nicht der einzige, der der deutschen Sprache zum Einzug in den lateinischen Gottesdienst verhalf, Übersetzungen von Liedern, mit deutschem Text versehene Kyrieleis-Strophen, die deswegen Leisen heißen, gab es, aber nur als Ausnahme und nur dann, wenn der Priester dies zuließ. Das letzte Übersetzungsverbot der Kirche in Fragen der Liturgik war erst wenige Jahrzehnte alt, aber allenthalben regte sich reformatorischer Eifer, verstehen zu wollen, wovon der Dienst handelte, was die Priester, Mönche, Nonnen und Kantoren da eigentlich taten, wenn sie ihre Zeremonien um den Altar ausführten.

Müntzer war hier der konsequenteste von allen Reformatoren: der ganze Gottesdienst wurde deutsch nicht nur gehalten, sondern gesungen, auf die bekannten, tausendfach gehörten Weisen des einstimmigen Kirchengesangs. Jetzt konnten und wollten alle in Allstedt mitsingen. Der 19. Psalm findet sich in der Mette - also dem Frühgebet - im "Ampt auf das fest der geburt Christi" - also der Weihnachtszeit. Vorweg geht bei Müntzer wie in der alten lateinischen Tradition das Invitatorium, also im wesentlichen der Psalm 95, und der Psalm 2 jeweils mit eigenen Antiphonen für die weihnachtliche Situation.

Es folgen bei Müntzer dann der Psalm 45 und schließlich drei Lesungen, die Müntzer aus dem Beginn des Lukasevangeliums nimmt. Diese werden beantwortet von drei großen Gesängen, drei Responsorien. Außerdem gehören noch das Vaterunser und das Tedeum zur Mette hinzu.

B. Warum Psalm 19?

 

 

Versuchen Sie doch einmal, in diesem Text weihnachtliche Bezüge zu finden.

Vielleicht bedenken wir dazu, daß zur Zeit der Entstehung dieses Psalms, also sehr lange vor Christi Geburt, es kein Weihnachtsfest gab. Es gab keinen Christus, keine Christen, schon gar keine christliche Kirche. Was also hat diesen Psalm in die Weihnachtszeit der alten Kirche rücken lassen?

Ich lese einen Vers aus einem bekannten Lied:

"Er ging aus der Kammer sein, dem königlichen Saal so rein,

Gott von Art und Mensch, ein Held; sein Weg er zu laufen eilt."

Haben Sie es erkannt? Luthers "Nun komm der Heiden Heiland" (EG4, Str.2) Im lateinischen Text dieses Psalms kommen im 5.Vers die Worte sponsus und thalamus vor: damit sind gemeint der Gatte oder Bräutigam und die Schlafkammer, das Ehegemach; ich komme später noch einmal darauf zurück. Im nächsten Vers heißt es in der lateinischen Vorlage, derer sich Müntzer bedient hat: "a summo caelo egressio eius et occursus eius usque ad summum eius." Übersetzt heißt das: "vom höchsten Himmel ist sein Ausgang und seine Rückkehr ist bis zum Höchsten." Das entstehende Christentum hat diese Worte ganz ohne Umschweife direkt auf Christus bezogen. So wie dann auch alle weiteren Aussagen dieses Psalms auf Inhalte christlichen Glaubens bezogen wurden und nicht mehr jüdischem Glauben zugehörten.

Für mich enthält dieser Psalm drei Teile: im ersten (Vers 1-7) Teil ist die Rede von Gottes Herrlichkeit und Verkündigung, im zweiten (Vers 7b-11) geht es um das Gesetz und die Furcht des Herrn, im letzten Teil dann um Sünde und Vergebung. Im heutigen christlichen Gebrauch wird üblicherweise dieser Psalm zweigeteilt: was haben Gottes Herrlichkeit und die Poesie der Bilder des Anfangs mit der ganzen Reihe: die Weisung des Herrn, das Gesetz des Herrn, die Befehle des Herrn, das Gebot des Herrn, die Furcht des Herrn, die Urteile des Herrn zu tun? Diese ordnet man dann lieber einem Gottesdienst in der langen Trinitatiszeit zu. Für Müntzer und seine Zeit schienen aber alle Teile dieses Psalms zusammenzugehören.

Was - so lautet meine Frage - läßt sich aus der Übertragung dieses Psalms durch Müntzer und einer Reihe weiterer Äußerungen über diesen Psalm zur Theologie Müntzers sagen?

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C. Die Übertragung des 19.Psalms durch Thomas Müntzer im Deutschen Kirchenamt

1. Verse 1 bis 4

Hören wir uns den Anfang des Psalms einmal in verschiedenen Formulierungen an. Zunächst Martin Luther (1912): Die Himmel erzählen die Ehre Gottes, und die Feste verkündigt seiner Hände Werk. Ein Tag sagt's dem andern, und eine Nacht tut's kund der andern. In der Fassung des Gotteslobs:

Die Himmel rühmen die Herrlichkeit Gottes, vom Werk seiner Hände kündet das Firmament. Ein Tag sagt es dem andern, eine Nacht tut es der andern kund. Letztere Version entspricht der vorhin gelesenen Einheitsübersetzung, die recht genau den lateinischen Text wiedergibt, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte: Caeli enarrant gloriam Dei: et opera manuum eius annuntiat firmamentum. Dies diei eructat verbum et nox nocti indicat scientiam. Besondere Beachtung verdient der Chiasmus: caeli - firmamentum mit gloriam Dei - opera manuum und im zweiten Vers die Kombination dies-diei und nox-nocti. Eructare heißt eigentlich ausstoßen oder auswerfen, das scheint keiner der Übersetzer so formulieren gewagt zu haben.

Was mir jedoch außerdem auffällt: Was ist eigentlich das "Es" bei Luther: nur mit Apostroph angedeutet, eigentlich gar kein Substantiv? In der anderen Fassung immerhin "es" genannt. Aber was ist dieses es? Bei Luther müßte sich "es" auf seiner Hände Werk beziehen, in der Einheitsübertragung müßte mit "es" das Firmament gemeint sein. Beides macht wenig Sinn. Dabei steht doch in der lateinischen Vorlage ganz eindeutig noch ein Wort: scientia. Das bedeutet: Kenntnis, Erkenntnis, Vertrautheit, Wissenschaft, auch Wissen und Theorie. Seinen Ursprung hat scientia im Wort scheiden, abscheiden, was ja gedanklich die Voraussetzung für jede Art von Erkennen ist. Modern sagen wir: Abstraktion dazu.

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c) Die "kunst Gottis"

Es darf spekuliert werden, warum dies eindeutige Wort "scientia" bis heute keine ebenso eindeutige Übersetzung erfahren hat - außer der bei Thomas Müntzer. Er sagt dafür: "kunst Gottis". Schaut man im Glossar unter dem Wort kunst nach, welche Bedeutung es im Frühneuhochdeutschen vielleicht abweichend von unserem spontanen Verständnis hat, so liest man: Kenntnis, Wissen, Wissenschaft, Erkenntnis. Und das legt einen Verdacht nahe: nämlich, daß bei diesem Wortverständnis genauso wie eben das lateinische Lexikon Pate gestanden hat, so deckungsgleich sind die Ausdrucke. Es muß also offen bleiben, ob kunst das adäquate deutsche Wort für das lateinische scientia ist, oder ob bei kunst nicht doch etwas von der vertrauteren Bedeutung des künstlerischen Gestaltens, des Hervorbringens, des Schöpferischen, der creatio ex nihilo, der Schöpfung aus dem Nichts mitschwingt. Dann nämlich würde der Genitiv Gottes die Kunst, das Vermögen dieses Gottes bezeichnen, grammatisch ein Genitiv subjektivus.

Die Erkenntnis Gottes meint im Gegensatz dazu die menschliche Erkenntnis, das menschliche Wissen von Gott: grammatisch ein Genetivus objektivus. Diese Unterscheidung ist wichtig, wir werden ihr gleich noch einmal begegnen. Vorerst können wir uns vielleicht an den Gedanken halten, daß Kunst ja sprichwörtlich von Können kommt, und das schließt Wissen und gestalterische Potenz gleichermaßen ein.

Müntzer jedenfalls beläßt es in diesem zweiten Psalmvers nicht bei einem verschwommenen "es", für das nicht einmal das Beziehungswort eindeutig zu klären ist, sondern er redet von Wissen und Erkennen - und - wenn wir die alternative Bedeutung hinzunehmen - vom tatsächlichen Werk Gottes, wie es uns vor Augen steht.

So bewandert wie Thomas Müntzer in der Bibel war, wird ihm sicher der Abschnitt aus dem Buch Jesus Sirach, das damals besondere Wertschätzung erfuhr, wie der Name Ecclesiasticus belegt, geläufig gewesen sein, der da beginnt (43,1-5): Die Schönheit der Höhe, das klare Firmament und der gewaltige Himmel sind ein herrlicher Anblick. Die Sonne geht auf und er glänzt in vollem Licht, ein staunenswertes Gestirn, das Werk des Höchsten. Steht sie in der Mittagshöhe, versetzt sie die Welt in Glut, wer hält es aus in ihrer Hitze? Ein brennender Schmelzofen ist das Kunstwerk des Gießers; der Pfeil der Sonne setzt Berge in Brand; ihre Feuerzunge verbrennt das bewohnte Land, ihr Licht versengt das Auge. Ja, groß ist der Herr, ihr Schöpfer, sein Wort läßt seinen Helden erstrahlen. Dieses Kapitel schließt mit den Worten: Alles hat der Herr gemacht, und den Frommen hat er Weisheit verliehen.

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d) Das "Evangelium aller Kreatur"

Nun ist ja zu Beginn nicht von menschlicher Erkenntnis die Rede, sondern von Himmel und Gestirnen und von Tag und Nacht, also natürlichen Gegebenheiten. Rauhaus spricht in seinem Lied von einer geheimnisvollen Kunde. Der Tag spricht mit dem Tag, die Nacht mit der Nacht, aber sie sprechen nicht unsere Sprache, deshalb werden ihre Stimmen nicht gehört. Trotzdem erschallt ihre Stimme um den ganzen Erdkreis herum. Was ist dies für eine Botschaft, die wir nicht hören, aber vielleicht verstehen können?

Müntzers Übertragung liegt der Gedanke zu Grunde, daß "alle Geschöpfe auf den Schöpfer, alle Teile des Universums auf das Ganze und die Vielen auf das Eine bezogen sind".) Es existiert ein Briefentwurf Müntzers, in dem es heißt: "Bei jeder Kenntnis der Schöpfung muß man aufs Ganze sehen; dann ist sie sehr gut, denn sie handelt von den Werken seiner Hände. Ja, sie ist ebenso hoch zu loben wie die Kenntnis Gottes, wenn man sie vom Ganzen hat." (in toto exordienda est omnis scientia creaturarum, que est optima, nam est de operibus manuum suarum, que eque laudabilis est sicut scientia Dei, cum in toto intelligatur.,) In einem Brief aus dem Jahre 1524, drei Jahre nach dem oben genannten Satz, schreibt er an den Allstedter Hans Zeiß: "Der wylle Gottis ist das ganze über alle seyne teyle." "Verbunden damit ist die Vorstellung einer göttlichen Ordnung in der Schöpfung, die vom Menschen erkannt wird, da das Gesetz in sein Herz geschrieben ist." ( Es gibt also neben dem Evangelium der Schrift noch eine andere Offenbarung Gottes in der Ordnung der Natur. In einer Schrift über die Taufe, die möglicherweise von Müntzer stammt, oder aber durch Müntzer inspiriert von Hans Hut verfaßt wurde, wird der "Gegensatz zwischen dem wahren Glauben, der in Anfechtungen entsteht und sich bewährt, und dem falschen, oberflächlichen Glauben der Schriftgelehrten, die nur ihr Predigen und den Buchstaben der Schrift vorweisen können" beschrieben. Die Offenbarung durch die Schöpfung geht dem Glauben voran.

Weiter heißt es: "Denn die ganze welt mit allen creaturen ist ein buech, darin man im werk sihet alles, was im geschriben buech gelesen wirt. Dann alle auserwelten menschen von anfang der welt bis auf Mosen haben in dem buech aller creaturen gestudiert und dargegen wargenommen des verstands, so ihnen von natur durch den geist Gottes in das herz geschriben ist, dieweil das ganz gsatz mit creaturischen werken beschrieben ist.") Gordon Rupp verweist hier auf eine Parallele zu einer Schrift von Raimund von Sabunde, die zu Beginn des 16. Jahrhunderts weit verbreitet war und in der Raimund die Auffassung vertritt, "daß Gott dem Menschen zwei Bücher gegeben habe, das Buch der Natur oder der Schöpfung und das geschriebene Buch der heiligen Schrift. Das Buch der Schöpfung enthält die Werke (facta) Gottes, das der Heiligen Schrift seine Worte (verba)".)

Weiter heißt es in Raimunds Schrift, zunächst lateinisch: Et ideo liber creaturarum est porta, via, janua, introductorium et lumen quoddam ad librum sacrae Scripturae. - Darum ist das Buch der Schöpfung die Tür, der Weg, der Eingang, die Einführung und das gewisse Licht zum Buch der Heiligen Schrift."

Zweihundert Jahre zuvor hatte Meister Eckhart in seiner Auslegung des Johannes-Evangeliums zeigen wollen, daß die "Wahrheiten der Prinzipien, Folgerungen und Eigentümlichkeiten in der Natur ( ... ) gerade in den Worten der Heiligen Schrift (..) klar angedeutet sind." Hier klingt eine Umkehrung des Verhältnisses von Natur und Schrift an, die die Bibel als Beleg, als Symbol, als Verständnishilfe für die Wirklichkeit betrachtet. Die bis heute gültige Regel, daß in der katholischen Kirche Naturerkenntnis der Bibel nicht widersprechen darf, wird von Eckhart mißachtet. Der reformatorische Geist Müntzers greift die Existenz Gottes im Geschaffenen auf - und kehrt sie polemisch gegen die Schriftgelehrten, die den Glauben aus dem Buchstaben erklären wollen. Schließlich wird bei Spinoza Gott und Natur zu einem Begriff: "Die Macht, wodurch die einzelnen Dinge und folglich der Mensch sein Sein erhält, ist selbst die Macht Gottes oder der Natur. Die Macht des Menschen ist daher ein Teil der unendlichen Macht Gottes oder der Natur."

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C 2 Verse 5 - 7

a) Im Psalm schließt der Vers 5

mit dem Bild an, das den stärksten Bezug zum weihnachtlichen Geschehen bietet und das auch den Text für die Antiphon liefert: Er ist ausgegangen wie ein Bräutigam aus seiner Kammer. Lassen Sie uns das zunächst so singen, wie am Ende des 4. Jahrhunderts der Mailänder Bischof Ambrosius es in seinem Hymnus Veni redemptor gentium gedichtet hat:

 

Hymnus Veni redemptor gentium, Vers(e 1 u.) 4

 

Besser bekannt ist Ihnen sicher die Übertragung, die Luther diesem Hymnus gegeben hat:

 

Lied: Nun komm der Heiden Heiland, Vers(e 1 u.) 4

 

Weniger bekannt ist das Lied, das durch Thomas Müntzer aus der Übertragung des ambrosianischen Hymnus entstanden ist:

 

Lied: O Herr, erlöser allen Volks, Verse (1 u.) 4, 5.

b) Ludwig van Beethovens 9. Symphonie

ist sicher vielen bekannt, besonders der Anfang des letzten Satzes mit der Vertonung der Schillerschen Ode "Freude, schöner Götterfunken", deren Verballhornung als sogenannte Europahymne weder dem Geist Schillers noch dem Beethovens noch überhaupt irgendeinem Geist außer dem Zeitgeist gerecht wird. Wer ein bißchen mehr als den Anfang dieses Satzes im Ohr hat, kann vielleicht einmal suchen, ob er Anklänge an die Thematik der alten Lieder von eben findet.

Bei Schiller heißt die 4. Strophe seiner Ode:

Freude heißt die starke Feder

In der ewigen Natur.

Freude, Freude treibt die Räder

In der großen Weltenuhr.

Blumen lockt sie aus den Keimen,

Sonnen aus dem Firmament,

Sphären rollt sie in den Räumen,

Die des Sehers Rohr nicht kennt.

Chor:

Froh, wie seine Sonnen fliegen

durch des Himmels prächtigen Plan,

Laufet, Brüder, eure Bahn,

Freudig, wie ein Held zum Siegen.

Alle Bilder des Psalms sind da: die Natur, die Lenkung der Welt, Entstehung der Sonne, dem Menschen unbekannte Sphären. Und im abschließenden Chorteil: der Held, die Bahn durch den Himmel, der Vergleich mit dem Sonnenlauf, die Freude, die bei Luther und Müntzer genannt ist und bei Schiller den Impuls für die ganze Ode abgibt. Und doch ist es etwas anders als im Psalm. Der Blick ist zwar noch gewissermaßen nach oben gerichtet, aber der Handelnde ist der Mensch, der sich mit Gott vergleicht:

"Götter kann man nicht vergelten, schön ist's, ihnen gleich zu sein", schreibt Schiller ein wenig weiter. Die Blickrichtung hat sich gespalten. Der "liebe Vater", der "Unbekannte", der "Schöpfer", "großer Gott", der "Richter Gott", der "gute Geist", der "Sternenrichter" fast jede Strophe der Schillerschen Ode - bis auf die eben gehörte vierte findet für Gott einen neuen Namen, er ist stets präsent, ohne ihn wäre die Freude, die die Triebfeder von allem auf Erden ist, nicht vorhanden, mit der himmlischen Kraft gelingt dem Menschen alles Vorhaben:

 

Aus der Wahrheit Feuerspiegel

Lächelt sie den Forscher an.

Zu der Tugend steilem Hügel

Leitet sie des Dulders Bahn.

Auf des Glaubens Sonnenberge

Sieht man ihre Fahnen wehn,

Durch den Riß gesprengter Särge

Sie im Chor der Engel stehn.

Es ist schade, daß Beethoven nicht alle Verse vertont hat, vielleicht hätte seine Musik manchem Gedanken Schillers zu einem tieferen Verständnis verholfen. Und vielleicht würde Europa nicht nur besinnungslos brüllen "Freude schöner Götterfunken" - ohne Komma dazwischen, sondern mit Bewußtsein singen:

 

Unser Schuldbuch sei vernichtet!

Ausgesöhnt die ganze Welt!

Brüder - überm Sternenzelt

Richtet Gott, wie wir gerichtet.

Zugleich ist hier ein Übergang formuliert, der auch im Psalm allerdings in umgekehrter Richtung vorkommt: Schiller orientiert sich eher am Kantschen Imperativ, unser Handeln so auszurichten, daß es allgemeine Richtschnur auch für oder gegen uns selbst sein kann. Bei Müntzer ist das Gesetz Gottes so rein, daß es die Herzen der Auserwählten bekehrt, also eher als Gabe von oben in den Menschen einkehrt.

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Exkurs: Himmlisches Licht

Zu allen Zeiten und bei allen Völkern der Erde war die Sonne nicht nur ein Gestirn am Himmel. Und alle Forschung über Verhalten von Heliumgas, Explosionen von Gaswolken, Entfernungen und Planetenbahnen hat nicht ausgeräumt, daß wie zu allen Zeiten für das menschliche Auge die Sonne ihre Bahn zieht und keineswegs der kleine Mensch auf einer sich drehenden kleinen Erde an der Sonne vorbeizieht. Neben der Kenntnis, daß Leben auf Erden ohne Sonnenstrahlen nicht möglich ist, war die Sonne auch immer Gegenstand von Mythen. Der Sonnenwagen spielt bei den Griechen des Altertums eine Rolle.

Auch im AltenTestament verknüpfen sich Licht, Bewegung und darüberhinaus ist Sonne immer das Symbol für Erkenntnis. In der Vision Daniels heißt es: "Sein Gewand war weiß wie Schnee, sein Haar wie reine Wolle. Feuerflammen waren sein Thron, und dessen Räder waren loderndes Feuer." Die Himmelfahrt des Propheten Elias vollzog sich nach dem 2.Buch Könige unter diesen Umständen: "Während Elias und Elischa gingen und redeten, erschien ein feuriger Wagen mit feurigen Pferden und trennte beide voneinander. Elia fuhr im Wirbelsturm zum Himmel empor."

Was nimmt es wunder, daß in der Alten Welt die Sonne nicht nur zum Symbol für das Überirdische wurde, sondern direkt in den Rang der Gottheit erhoben wurde. Nicht nur die Ägypter beteten die Sonne an, auch der jüdische Gott des Alten Testamentes erscheint stets mit Licht umkleidet, in einer brennenden Flamme, in einer Säule aus Licht und feuerbekränzt.

Etwas von diesem Feuer der Gottheit, von diesem Licht der Erkenntnis, von diesem Brennen, das mehr bedeutet als irdisches Leben, hat sich nach Meinung nicht nur der Theologen vom Kirchenvater Hieronymus im 4. Jahrhundert an, sondern vieler Autoren vom Mittelalter bis heute im Menschen erhalten. Ein kleines Fünkchen von dem, was über den menschlichen Verstand hinausgeht brennt immer und unauslöschlich weiter in der menschlichen Seele. Scintilla conscientiae schreibt Hieronymus, Funke des Erkennens; scintilla rationis schreibt Thomas von Aquin, Funke der Vernunft; bei Meister Eckhart wird daraus der Funke der Seele, Scintilla animae, der dem Menschen ermöglicht, mit Gott nicht nur zu verkehren, sondern mit ihm eins zu werden: in der Erkenntnis Gottes in sich selbst Gott zu gebären und mit ihm eins, wie Gott zu werden.

Aber Licht und Feuer verbinden sich nicht nur mit dem Guten im Menschen, mit seinem Streben nach Erkenntnis Gottes und einem ihm wohlgefälligen Leben auf Erden. Das Schwert wird im Feuer gehärtet, Feuer ist das Scheidemittel für die Materie, Ikarus stürzt bei seinem Sonnenflug ab, weil das Wachs schmilzt, die Vernichtung der Gottlosen durchzieht das ganze Alte Testament, und das Verbrennen andersgläubiger Menschen wurde stets als Reinigung der Gesellschaft verstanden. Die Hölle ist nicht nur in kindlicher Phantasie mit Glutöfen und Scheiterhaufen ausgestattet und erweist sich noch in dieser materiellen Bedingtheit als Abkömmling des Himmels. Lucifer, der verstoßene Engel, der sich nicht vor Gottes neuem Geschöpf, dem Menschen, verneigen mochte, verfügt über das ganze Arsenal, das himmlischen Engeln auch zur Verfügung steht, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Vor dem Schein, der Glut, die das himmlische Feuer entfacht, kann sich niemand verbergen, selbst der Mensch gewordene Gottessohn muß sich auf die Höllenfahrt begeben - so in apokrypher Überlieferung -, damit die Zeit der Grabesruhe zwischen Kreuzigung und Auferstehung noch zur Heilstat für das menschliche Geschlecht werden kann: Gott besiegt als sein Sohn das Reich des verstoßenen Engels, das Reich des Teufels, der nur wegen der Existenz des Menschengeschlechts sich von Gott abgespalten hat.

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C 3 Verse 8 -9

a) Durch Leiden zur Erkenntnis Gottes

In einem Brief aus dem Jahre 1524 über den rechten Weg zur Erkenntnis Gottes schreibt Thomas Müntzer, man müsse die Betrachtung seines Herzens immer dahin richten, da die Sonne aus dem wahren Ursprung aufgehe nach der langen Nacht. Er beruft sich dabei auf einen Vers aus Psalm 130, in dem es heißt: "Meine Seele wartet auf den Herrn, mehr als die Wächter auf den Morgen". Durch Nacht zum Licht, durch die Hölle zum Himmel, durch das Fegefeuer zum ewigen Leben, per aspera ad astra, stets setzt der Aufstieg das Tal voraus, die Himmelsleiter Jakobs den Brunnen und den Abgrund, die Tiefe und das Meer. Müntzer erklärt in diesem Brief sein Verständnis des 19. Psalms. Seinem Adressaten, Christoph Meinhard in Eisleben, schreibt er, daß in diesem Psalm durch den Heiligen Geist angesagt werde, wie man lerne, daß durch das Leiden Gottes Werke im Gesetz erklärt werden und zum ersten dadurch die Augen geöffnet werden müssen. Wer die Nacht nicht erlitten hat, kann die Kunst Gottes nicht verstehen, die die Nacht der Nacht verkündigt, nach der erst das rechte Wort sich zeigt am hellen Tage .

Vor aller Predigt von Menschen muß der Zuhörer Christum haben hören predigen in seinem Herzen durch den Geist der Furcht Gottes. Es muß also gleichzeitig im Inneren des Menschen die Bereitschaft und im Äußeren die Aussendung des Heiligen Geistes zusammenkommen, damit der Mensch den Weg zu Gott findet. Sonst ist alles Predigen und Schreiben verloren.

Wie soll das gehen? In der Sprache Müntzers: Die werk der hende Gottes mussen die ersten verwunderung von Gott uberweyset haben. In einem anderen Psalm, dem 111., heißt es in Müntzers Übersetzung: Die Kraft seiner Werke läßt er predigen seinem Volke, auf daß er ihm gäbe das Erbe der Heiden. Die Wirkung seiner Hände sind die Wahrheit und das Urteil.

Erst dann kann dem Menschen ein rechter Prediger Zeugnis genug geben. Der ganze Satz heißt bei Müntzer so: Der zuhorer mus vorhin Christum haben horen predigen yn seynem herzen durch den geyst der forcht Gottes, do kan ym der recht prediger zeugnis genung geben. Die werk der hende Gottes mussen die ersten verwunderung von Gott uberweyset haben, es ist sonst alles predigen unde schreiben verloren." Mit einem Satz von Hans Blumenberg läßt sich dieser Gedanke auch so ausdrücken: "Es ist das Paradox aller Rezeption, daß der nichts erfährt, der noch nichts erfahren hat."

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b) Das Schwert Gottes

 

Zwei Sätze weiter in seinem Brief schreibt Müntzer: "Solcher Menschen - die in der Aufnahme des Wortes Gottes erfahren sind – Unterricht muß erschallen in die ganze Welt, an alle Grenzen der Gottlosen, auf daß sie sich mit ihrer unsinnigen Gewalt entsetzen vor dem, der sie durch den andern Jehu unterrichten wird." Wer war Jehu?

Im 8. vorchristlichen Jahrhundert schickt der Prophet Elischa einen jungen Menschen mit einem Ölkrug los, im entfernten Ramot-Gilead einen Oberst mit Namen Jehu aufzusuchen, ihn zum König über Israel zu salben und mit einem Mordauftrag an die ganze bisherige Führungsriege der Judäer zu versehen. Die Details dieser blutrünstigen Geschichte altjüdischer Stammeskriege braucht uns nicht zu interessieren, ebensowenig wie der abschließende Fenstersturz und die Leichenfledderei Isebels. Wichtig ist die Berufung Müntzers auf diesen alttestamentlichen Rächer in göttlichem Auftrag. An anderer Stelle unterzeichnet Müntzer einen Brief mit Thomas Müntzer, mit dem Schwert Gideons, auch so eine Berufung auf eine alttestamentliche Entscheidungsschlacht, diesmal aus der Richterzeit vor mehr als 3000 Jahren. Er nennt sich auch Thomas Müntzer mit dem Hammer und einen Knecht Gottes wider die Gottlosen.

Zum Verständnis dieser Äußerungen zitiere ich Gottfried Maron: "Kräftigung der Auserwählten und Kampf gegen die Gottlosen sind (..)die zwei Seiten einer Sache. Er weiß sich im Dienste der begonnenen Scheidung stehen, im Dienste jener eschatologischen Trennung von Auserwählten und Gottlosen, die mit dem Auftreten Luthers begonnen zu haben schien. Doch steht die 'treffliche, unüberwindliche zukünftige Reformation' noch aus. (..) Die Zeit der Ernte ist da. Nach seiner Meinung hat ihn Gott selber in diese seine Ernte gemietet.(..) 'ich habe meyne sichel scharff gemacht denn meyne gedancken seyn sehr hefftig uff dye warheyt' gerichtet "'unde meyne lippen, haut, händt,haer, seele, leip, leben vermalediegen dye ungleubigen'. (..) Gott habe ihn zum 'ernsten Prediger' gemacht, keinen Menschen auf dieser Erde zu verschonen, der dem Geiste Gottes widerstrebt. Der 'ernste Prediger' ist (..)der Gerichtsprediger, das 'ernste Wort' ist Gottes Gerichtswort."

Wir lassen an dieser Stelle Müntzers Auseinandersetzung mit Luther über die Frage des rechten Reformationsverständnisses beiseite ebenso wie beider Versuch, jeweils auf ihre Art die Landesherren als legitime Schwertträger für ihren Kampf gegen die Gottlosen zu gewinnen. Wir lassen ebenso beiseite die Wandlung Müntzers vom Prediger des Evangeliums zum Prediger des Gerichtes bis zum Mitkämpfer im Bauernkrieg gegen die Fürstenherrschaft. Vielleicht ist aber deutlich geworden, warum die Teile des 19. Psalms, die scheinbar so disparat gegenüber stehen, die Herrlichkeit Gottes und das Gericht Gottes, für Müntzer nicht zu trennen sind.

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c) Das Gesetz Gottes

Gegen Ende der fünf Bücher Mose, die auch heute noch im jüdischen Glauben in ihrer Gesamtheit das Gesetz heißen, stehen diese Worte Gottes an Mose: "Dieses gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, so daß du sagen müßtest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, so daß du sagen müßtest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten."(5.Mos.30,11-14)

Müntzer verwendet in seiner Psalmeindeutschung in zwei Versen die Worte Gesetz, Gezeugnis, Gerechtigkeit und Gebot. Und ich denke, die jeweilige Fortsetzung läßt ihn eher an das Gebot im eben zitierten Sinn aus dem 5.Buch Mose denken. Es bekehrt die Herzen und erfreut die Herzen der Auserwählten, es ist wahrhaftig und erleuchtet die Augen. Als einziger der Übersetzer nimmt sich Müntzer auch des Wortes parvulis im lateinischen Text an: die Kleinen soll die Weisheit gelehrt werden, wobei offen bleibt, ob junge oder einfache Menschen, oder aber ganz im Müntzerschen Sinne eben alle Menschen gemeint sind, ohne Unterschiede ihres Standes oder ihres Alters. Gerade weil dieses Gesetz im Mund und im Herzen zu halten ist, verursacht es Zweifel, Anfechtungen und Kämpfe. Das meint Müntzer, wenn er sagt, daß man zum wahren Glauben nur durch das Tal der Versuchungen und Zweifel gelangt. Oder in Luthers Worten: "Es ist ein großes Ding um ein zerschlagenes Herz, und dies kommt nur von dem Glauben, der da entbrannt gegen die Verheißung und göttliche Drohung, der die unbewegliche Wahrheit Gottes ansieht, erzittert, erschreckt und das Gewissen also zerknirschet und wieder erhöhet und tröstet und erhält das zerknirschete; daß also die Wahrheit der Drohung Gottes eine Ursache der Reue, und die Wahrheit der Verheißung eine Ursache des Trostes, wenn man glaubet, und mit diesem Glauben der Mensch Vergebung Sünden erlanget."

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C 4 Die Furcht Gottes

Die Furcht Gottes ist rein und währet ewiglich. Da mag die Frage erlaubt sein, wer fürchtet wen? Ist es eine Furcht, die Gott als Wesen hat oder ist es eine Furcht, die der Mensch vor Gott hat? Bei der Liebe Gottes gibt es das nämliche Problem: Gottesliebe ist die Liebe Gottes zu den Menschen und die Liebe, die Menschen Gott entgegenbringen. Aber Furcht? Sie kennen vielleicht den Vers aus den Sprichwörtern der Bibel, die bei Luther noch Sprüche Salomons heißen, der gleichlautend auch im Psalm 111 erscheint:

Die Gottesfurcht ist der Anfang der Weisheit - oder die Furcht Gottes ist der Anfang der Erkenntnis. Lassen Sie mich Hans Blumenberg zitieren:

"Für mich war selbstverständlich, daß es ein genetivus subjectivus war: die Furcht des Herrn als die seine vor etwas anderem, was zu fürchten eben der Anfang seiner Weisheit gewesen war. Und es stand damit auch schon fest, daß jene Herrenfurcht sich auf den Menschen gerichtet hatte, als er ihn nicht teilnehmen ließ an seinem Paradies, nachdem dieser sich zum gefährlichen Mitwisser der Erkenntnis von Gut und Böse gemacht hatte.(...)

Die Heilveranstaltungen kamen zwar dem Menschen zugute, waren aber Vorkehrungen zur Sänftigung seiner Eigenmacht und Aufsässigkeit, Einladungen zu einer befriedeten Gemeinschaft unter Ausschluß derer, die durchaus nicht wollten. Sie waren der Restbestand dessen, was der Herr am Anfang seiner Weisheit zu fürchten gehabt hatte."

Es führt zu weit, das Verhältnis, das in der frühchristlichen, vor allem hellenistischen Kirche zwischen der Weisheit, der Sophia, und Gott, dem Schöpfer, dem Demiurgos sich in gnostischen Glaubensrichtungen ausgeprägt hat, weiter zu verfolgen, jedenfalls war die christliche Glaubenswelt damals weitaus bunter, als es die durchgesetzte Dreifaltigkeit ahnen läßt. Müntzer versteht Gottesfurcht als die Furcht des Menschen - ja - vor Gott?

Das trifft es nur zum Teil, jedenfalls wenn man Furcht mit Angst gleichsetzt. Furcht ist für ihn eher eine innere Haltung, ein wahres Rückgrat das Auswirkungen auf das ganze Leben hat.

In der sog. Fürstenpredigt, die Müntzer 1524 in Allstedt vor seinen Landesherren gehalten hat und in der er sein reformatorisches Programm anhand einer Auslegung der Vision des Daniel ausbreitet, beschreibt er den verlotterten Zustand der Welt und fährt dann fort (zunächst in seiner Sprache, eine hochdeutsche Fassung soll folgen):

"Drumb, yr theuren brüder, sollen wir aus diesem unflat erstehn und Gottis rechte schuller werden, von got geleret, Joan.6, Matth.23, so will uns von nöten sein grosse mechtige stercke, die uns von oben hernidder vorlihen werde, solche unaußsprechliche boßheyt zu straffen und zu schwechen. Das ist die allerklerste weyßheyt Gottis, Sapientie 9, wilche allein von der reynen ungetichten forcht Gottis entspreust. Dieselbige muß uns alleyn mit gewaltiger handt wappnen zur rache widder die feinde Gottis mit dem höchsten yfer zu Gott, als geschrieben stet Sapientie 5, Joan.2, Psal.68.

Nun noch einmal mit Auflösung der zitierten Bibelstellen:

Ihr teuren Brüder, wir sollen aus diesem Unflat dieser jetzigen Welt erstehen und Gottes rechte Schüler werden, von Gott selbst gelehrt. Dazu beruft Müntzer sich auf das bei Johannes genannte Jesus-Wort "Ich bin das Brot des Lebens und das bei Matthäus genannte Jesus-Wort, die Jünger sollten sich nicht Rabbi und Lehrer nennen lassen und selbst auf Erden niemand Vater nennen, weil nur ein Meister, ein Vater, ein Christus im Himmel sei. Vonnöten sei uns große und mächtige Stärke, die uns von oben herniederkommend verliehen werde, solche unaussprechliche Bosheit zu bestrafen und zunichte zu machen. Hier zitiert Müntzer das 9. Kapitel des Buches der Weisheit, in dem es heißt: Sende die Weisheit vom heiligen Himmel und schicke sie vom Thron deiner Herrlichkeit. Das ist dann die allerklarste Weisheit von Gott, das reinste Wissen von Gott, das der reinen, ungedichteten, nicht ausgedachten Gottesfurcht entsprießt. Diese ist es, die uns mit gewaltiger Hand wappnen muß zur Rache an den Feinden Gottes mit dem höchsten Eifer zu Gott. Dazu noch einmal das Buch der Weisheit: Er rüstet die Gerechten mit seinem Eifer und macht die Schöpfung zur Waffe, mit der er die Feinde bestraft. Bei Johannes wird ferner ein Psalmwort zitiert: "Der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt." Die Gottesfurcht ist also für Müntzer eine eminent praktische Angelegenheit, keine des Glaubens im Kämmerlein oder in der Kirche, sondern eine Haltung zur Welt, die sich einmischt, die ändern und umstürzen will, was dem Willen Gottes entgegensieht. Er schreibt weiter:

Wenn die Gottesfurcht allein in uns ganz und rein bewahrt würde, dann möchte die heilige Christenheit leicht wieder zum Geist der Weisheit und der Offenbarung des göttlichen Willens kommen. Gottesfurcht hat aber eine Bedingung, nach Müntzers Ansicht muß sie rein sein und frei von Menschen- und Kreaturenfurcht. So wenig wie man nach Matthäus zweien Herren dienen kann, kann man auch nicht Gott und Menschen zugleich fürchten.

In einer kurz nach der Fürstenpredigt 1524 entstandenen Schrift greift Müntzer diese Gedanken noch einmal auf:

Weil der Mensch von Gott zu den Kreaturen abgefallen ist, ist es über die Maßen billig, daß er die Kreaturen, also die Welt, zu seinem Schaden mehr als Gott fürchten muß.(..)Niemand setzt Gott mit emsigem Ernst, mit all seinem Tun und Lassen voran. Ach, die Furcht Gottes kann und mag vor großer menschlicher Gunst nicht rein werden, wiewohl Christus ein mächtig großes, hartes Gebot dazu getan hat (Lk.12) und auch Maria gesagt (....) hat: 'Seine Barmherzigkeit ist von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten'. Wenn der Geist der Furcht Gottes bei den Auserwählten recht versorgt wird, so muß die ganze Welt einen rechtschaffenen Eiferer der Würde Gottes fürchten, sie tue es gern oder nicht.(..)Wer aber Gott im Abgrund seines Herzens nicht allein fürchtet, dem kann Gott auch nicht gnädig sein, wie ein jeder aus dem Gegenteil der Worte Marias vernimmt. (..) Die herzliche Barmherzigkeit Gottes kann unsere unerkannte Finsternis nicht erleuchten, solange uns die Gottesfurcht nicht leer macht zum Anfang (Empfang) der unaufhörlichen Weisheit.

Gottesfurcht weist in zwei Richtungen: wie bei Theologen wie Eckhart und Tauler muß der Mensch sein Inneres bereiten zum Empfang der Botschaft. Dann aber soll er sie nicht für sich behalten, sondern das für richtig Erkannte in der Welt umsetzen ohne Furcht vor den Folgen. Wer von uns heute Lebenden vermag noch nachzuvollziehen, wie anspruchsvoll dieses Programm ist und was es dem Menschen im Extrem abverlangt.

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