DAS BUCH DER PSALMEN

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Literaturliste zu Psalmen 

 

 

A Einleitung

B 119. Psalm

Die Herrlichkeit des Wortes Gottes (Das güldene ABC)

C Ein Psalm - was ist das?

D Entstehung der Psalmen

E Aufbau des Psalters

F Vortrag der Psalmen

G Psalmgestaltung

1. Klangform

2. Zum Sprachstil

3. Versgefüge

H Übersetzung von Psalmen

1. In der Lutherbibel von 1912 beginnt der 22. Psalm so:

2. In Martin Bubers Buch der Preisungen beginnt Psalm 69 so:

3. Psalm 34 im Vergleich der beiden Gesangbücher: EG 718 und GL 723(4-7)

4. Jetzt im Vergleich vier Fassungen des Beginns des 126.Psalms.

5. Die bekannteste der Nachdichtungen des Psalters

6. Eine an die Einheitsübersetzung angelehnte Fassung

I Psalmen außerhalb des Psalters

1. Biblische Psalmen außerhalb des Psalters

2. Gemeinsames Lesen des Liedes der Hanna (l.Sam.1-10)

3. Außerbiblische Psalmen

4. Außerjüdische Texte

J Ich möchte Sie jetzt zu einem Experiment einladen

K einigen Gedichten unseres Jahrhunderts

a) Else Lasker-Schüler (1869-1945)

b) Rainer Maria Rilke (1875-1926)

c) August Stramm (1874-1915)

d) Peter Huchel (1903-

e) Stefan George (1868-1933)

f) Paul Celan (1920-1970)

L Zum Schluß

Literatur:

Klaus Seybold: Die Psalmen. Stuttgart u.a., 1986.

Michael Lattke: Hymnen. Freiburg, Göttingen, 1991.

Peter H. Neumann: Zur neueren Psalmenforschung. Darmstadt, 1976.

A. Weiser: Die Psalmen. Göttingen, 1979,9.

Bibelarbeit in der Gemeinde. Bd.4. Die Psalmen. Basel, Köln, 1982.

Mette Bitter (Hg.): Leben mit Psalmen. München 1983.

Psalmen beten. (Nieders. Kirchenchorverband).Hannover 1992.

Klaus Berger: Psalmen aus Qumran. Frankfurt/M., 1997.

Hörisch, Jochen: Niemandes Geschenk an uns (Celan). FAZ, 27.12.1997,

 

 

    1. Einleitung

Lassen Sie mich zu Beginn kurz erläutern, worum es jetzt gehen soll. Am Vorabend des neuen Jahrhunderts und des neuen Jahrtausend - auch wenn penible Rechner es erst im nächsten Jahr anfangen lassen - ist es vielleicht angemessen, sich etwas intensiver mit dem ältesten Gebetbuch, das die Menschheit kennt, zu beschäftigen: mit dem Buch der Psalmen aus der Bibel. Ich möchte Ihnen einige historische Bemerkungen zu diesem alttestamentlichen Psalter vortragen. Damit verbunden sind ein paar kritische Bemerkungen zum Umgang mit den Psalmen. Es folgen einige praktische Bemerkungen zur Gestaltung der Psalmen und schließlich einige weiterführende Bemerkungen über des Rand des Buches der Psalmen hinaus. Daneben werden wir uns auch ganz praktisch den Psalmen zuwenden, bevor wir zum Teil des Singens der Psalmen übergehen.

Ich möchte auf eine Darstellung der musikalischen Gestaltung von Psalmen verzichten, einmal, weil wir sie praktisch erfahren, zum anderen, weil es die gleichen Stilmittel sind, die wir anläßlich des Magnificats kennengelernt haben, eine Wiederholung wollte ich vermeiden.

Sie haben alle einen Zettel mit einer Ziffer erhalten. Wir lesen jetzt gemeinsam den Psalm 119, soweit die Zahlen reichen, jeder den Vers, der seine Nummer trägt. Vor Beginn schaut sich jetzt jeder erst einmal "seinen" Vers an.

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    1. 119. Psalm

Die Herrlichkeit des Wortes Gottes (Das güldene ABC)

119,1 Wohl denen, die ohne Tadel leben, die im Gesetz des HERRN wandeln! 119,2 Wohl denen, die sich an seine Mahnungen halten, die ihn von ganzem Herzen suchen, 119,3 die auf seinen Wegen wandeln und kein Unrecht tun. 119,4 Du hast geboten, fleißig zu halten deine Befehle. 119,5 O daß mein Leben deine Gebote mit ganzem Ernst hielte. 119,6 Wenn ich schaue allein auf deine Gebote, so werde ich nicht zuschanden. 119,7 Ich danke dir mit aufrichtigem Herzen, daß du mich lehrst die Ordnungen deiner Gerechtigkeit. 119,8 Deine Gebote will ich halten; verlaß mich nimmermehr!

_119,9 Wie wird ein junger Mann seinen Weg unsträflich gehen? Wenn er sich hält an deine Worte. 119,10 Ich suche dich von ganzem Herzen; laß mich nicht abirren von deinen Geboten. 119,11 Ich behalte dein Wort in meinem Herzen, damit ich nicht wider dich sündige. 119,12 Gelobet seist du, HERR! Lehre mich deine Gebote! 119,13 Ich will mit meinen Lippen erzählen alle Weisungen deines Mundes. 119,14 Ich freue mich über den Weg, den deine Mahnungen zeigen, wie über großen Reichtum. 119,15 Ich rede von dem, was du befohlen hast, und schaue auf deine Wege. 119,16 Ich habe Freude an deinen Satzungen und vergesse deine Worte nicht.

_119,17 Tu wohl deinem Knecht, daß ich lebe und dein Wort halte. 119,18 Öffne mir die Augen, daß ich sehe die Wunder an deinem Gesetz. 119,19 Ich bin ein Gast auf Erden; verbirg deine Gebote nicht vor mir. 119,20 Meine Seele verzehrt sich vor Verlangen nach deinen Ordnungen allezeit. 119,21 Du schiltst die Stolzen; verflucht sind, die von deinen Geboten abirren. 119,22 Wende von mir Schmach und Verachtung; denn ich halte mich an deine Mahnungen. 119,23 Fürsten sitzen da und reden wider mich; aber dein Knecht sinnt nach über deine Gebote. 119,24 Ich habe Freude an deinen Mahnungen; sie sind meine Ratgeber.

_119,25 Meine Seele liegt im Staube; erquicke mich nach deinem Wort. 119,26 Ich erzähle dir meine Wege, und du erhörst mich; lehre mich deine Gebote. 119,27 Laß mich verstehen den Weg deiner Befehle, so will ich reden von deinen Wundern. 119,28 Ich gräme mich, daß mir die Seele verschmachtet; stärke mich nach deinem Wort. 119,29 Halte fern von mir den Weg der Lüge und gib mir in Gnaden dein Gesetz. 119,30 Ich habe erwählt den Weg der Wahrheit, deine Weisungen hab ich vor mich gestellt. 119,31 Ich halte an deinen Mahnungen fest; HERR, laß mich nicht zuschanden werden! 119,32 Ich laufe den Weg deiner Gebote; denn du tröstest mein Herz.

_119,33 Zeige mir, HERR, den Weg deiner Gebote, daß ich sie bewahre bis ans Ende. 119,34 Unterweise mich, daß ich bewahre dein Gesetz und es halte von ganzem Herzen. 119,35 Führe mich auf dem Steig deiner Gebote; denn ich habe Gefallen daran. 119,36 Neige mein Herz zu deinen Mahnungen und nicht zur Habsucht. 119,37 Wende meine Augen ab, daß sie nicht sehen nach unnützer Lehre, und erquicke mich auf deinem Wege. 119,38 Erfülle deinem Knecht dein Wort, daß ich dich fürchte. 119,39 Wende von mir die Schmach, die ich scheue; denn deine Ordnungen sind gut. 119,40 Siehe, ich begehre deine Befehle; erquicke mich mit deiner Gerechtigkeit.

_119,41 HERR, laß mir deine Gnade widerfahren, deine Hilfe nach deinem Wort, 119,42 daß ich antworten kann dem, der mich schmäht; denn ich verlasse mich auf dein Wort. 119,43 Und nimm ja nicht von meinem Munde das Wort der Wahrheit; denn ich hoffe auf deine Ordnungen. 119,44 Ich will dein Gesetz halten allezeit, immer und ewiglich. 119,45 Und ich wandle fröhlich; denn ich suche deine Befehle. 119,46 Ich rede von deinen Zeugnissen vor Königen und schäme mich nicht. 119,47 Ich habe Freude an deinen Geboten, sie sind mir sehr lieb, 119,48 und hebe meine Hände auf zu deinen Geboten, die mir lieb sind, und rede von deinen Weisungen.

_119,49 Denke an das Wort, das du deinem Knecht gabst, und laß mich darauf hoffen. 119,50 Das ist mein Trost in meinem Elend, daß dein Wort mich erquickt. 119,51 Die Stolzen treiben ihren Spott mit mir; dennoch weiche ich nicht von deinem Gesetz. 119,52 HERR, wenn ich an deine ewigen Ordnungen denke, so werde ich getröstet. 119,53 Zorn erfaßt mich über die Gottlosen, die dein Gesetz verlassen. 119,54 Deine Gebote sind mein Lied im Hause, in dem ich Fremdling bin. 119,55 HERR, ich denke des Nachts an deinen Namen und halte dein Gesetz. 119,56 Das ist mein Schatz, daß ich mich an deine Befehle halte.

_119,57 Ich habe gesagt: HERR, das soll mein Erbe sein, daß ich deine Worte halte. 119,58 Ich suche deine Gunst von ganzem Herzen; sei mir gnädig nach deinem Wort. 119,59 Ich bedenke meine Wege und lenke meine Füße zu deinen Mahnungen. 119,60 Ich eile und säume nicht, zu halten deine Gebote. 119,61 Der Gottlosen Stricke umschlingen mich; aber dein Gesetz vergesse ich nicht. 119,62 Zur Mitternacht stehe ich auf, dir zu danken für die Ordnungen deiner Gerechtigkeit. 119,63 Ich halte mich zu allen, die dich fürchten und deine Befehle halten. 119,64 HERR, die Erde ist voll deiner Güte; lehre mich deine Gebote.

_119,65 Du tust Gutes deinem Knecht, HERR, nach deinem Wort. 119,66 Lehre mich heilsame Einsicht und Erkenntnis; denn ich glaube deinen Geboten. 119,67 Ehe ich gedemütigt wurde, irrte ich; nun aber halte ich dein Wort. 119,68 Du bist gütig und freundlich, lehre mich deine Weisungen. 119,69 Die Stolzen erdichten Lügen über mich, ich aber halte von ganzem Herzen deine Befehle. 119,70 Ihr Herz ist völlig verstockt; ich aber habe Freude an deinem Gesetz. 119,71 Es ist gut für mich, daß du mich gedemütigt hast, damit ich deine Gebote lerne. 119,72 Das Gesetz deines Mundes ist mir lieber als viel tausend Stück Gold und Silber.

_119,73 Deine Hand hat mich gemacht und bereitet; unterweise mich, daß ich deine Gebote lerne. 119,74 Die dich fürchten, sehen mich und freuen sich; denn ich hoffe auf dein Wort. 119,75 HERR, ich weiß, daß deine Urteile gerecht sind; in deiner Treue hast du mich gedemütigt. 119,76 Deine Gnade soll mein Trost sein, wie du deinem Knecht zugesagt hast. 119,77 Laß mir deine Barmherzigkeit widerfahren, daß ich lebe; denn ich habe Freude an deinem Gesetz. 119,78 Ach, daß die Stolzen zuschanden würden, die mich mit Lügen niederdrücken! Ich aber sinne nach über deine Befehle. 119,79 Ach, daß sich zu mir hielten, die dich fürchten und deine Mahnungen kennen! 119,80 Mein Herz bleibe rechtschaffen in deinen Geboten, damit ich nicht zuschanden werde.

_119,81 Meine Seele verlangt nach deinem Heil; ich hoffe auf dein Wort. 119,82 Meine Augen sehnen sich nach deinem Wort und sagen: Wann tröstest du mich? 119,83 Ich bin wie ein Weinschlauch im Rauch; doch deine Gebote vergesse ich nicht. 119,84 Wie lange soll dein Knecht noch warten? Wann willst du Gericht halten über meine Verfolger? 119,85 Die Stolzen graben mir Gruben, sie, die nicht tun nach deinem Gesetz. 119,86 All deine Gebote sind Wahrheit; sie aber verfolgen mich mit Lügen; hilf mir! 119,87 Sie haben mich fast umgebracht auf Erden; ich aber verlasse deine Befehle nicht. 119,88 Erquicke mich nach deiner Gnade, daß ich halte die Mahnung deines Mundes.

_119,89 HERR, dein Wort bleibt ewiglich, so weit der Himmel reicht; 119,90 deine Wahrheit währet für und für. Du hast die Erde fest gegründet, und sie bleibt stehen. 119,91 Sie steht noch heute nach deinen Ordnungen; denn es muß dir alles dienen. 119,92 Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend. 119,93 Ich will deine Befehle nimmermehr vergessen; denn du erquickst mich damit. 119,94 Ich bin dein, hilf mir; denn ich suche deine Befehle. 119,95 Die Gottlosen lauern mir auf, daß sie mich umbringen; ich aber merke auf deine Mahnungen. 119,96 Ich habe gesehen, daß alles ein Ende hat, aber dein Gebot bleibt bestehen.

_119,97 Wie habe ich dein Gesetz so lieb! Täglich sinne ich ihm nach. 119,98 Du machst mich mit deinem Gebot weiser, als meine Feinde sind; denn es ist ewiglich mein Schatz. 119,99 Ich habe mehr Einsicht als alle meine Lehrer; denn über deine Mahnungen sinne ich nach. 119,100 Ich bin klüger als die Alten; denn ich halte mich an deine Befehle. 119,101 Ich verwehre meinem Fuß alle bösen Wege, damit ich dein Wort halte. 119,102 Ich weiche nicht von deinen Ordnungen; denn du lehrest mich. 119,103 Dein Wort ist meinem Munde süßer als Honig. 119,104 Dein Wort macht mich klug; darum hasse ich alle falschen Wege.

_119,105 Dein Wort ist meines Fußes Leuchte und ein Licht auf meinem Wege. 119,106 Ich schwöre und will's halten: Die Ordnungen deiner Gerechtigkeit will ich bewahren. 119,107 Ich bin sehr gedemütigt; HERR, erquicke mich nach deinem Wort! 119,108 Laß dir gefallen, HERR, das Opfer meines Mundes, und lehre mich deine Ordnungen. 119,109 Mein Leben ist immer in Gefahr; aber dein Gesetz vergesse ich nicht. 119,110 Die Gottlosen legen mir Schlingen; ich aber irre nicht ab von deinen Befehlen. 119,111 Deine Mahnungen sind mein ewiges Erbe; denn sie sind meines Herzens Wonne. 119,112 Ich neige mein Herz, zu tun deine Gebote immer und ewiglich.

_119,113 Ich hasse die Wankelmütigen und liebe dein Gesetz. 119,114 Du bist mein Schutz und mein Schild; ich hoffe auf dein Wort. 119,115 Weichet von mir, ihr Übeltäter! Ich will mich halten an die Gebote meines Gottes. 119,116 Erhalte mich durch dein Wort, daß ich lebe, und laß mich nicht zuschanden werden in meiner Hoffnung. 119,117 Stärke mich, daß ich gerettet werde, so will ich stets Freude haben an deinen Geboten. 119,118 Du verwirfst alle, die von deinen Geboten abirren; denn ihr Tun ist Lug und Trug. 119,119 Du schaffst alle Gottlosen auf Erden weg wie Schlacken, darum liebe ich deine Mahnungen. 119,120 Ich fürchte mich vor dir, daß mir die Haut schaudert, und ich entsetze mich vor deinen Gerichten.

_119,121 Ich übe Recht und Gerechtigkeit; übergib mich nicht denen, die mir Gewalt antun wollen. 119,122 Tritt ein für deinen Knecht und tröste ihn, daß mir die Stolzen nicht Gewalt antun! 119,123 Meine Augen sehnen sich nach deinem Heil und nach dem Wort deiner Gerechtigkeit. 119,124 Handle mit deinem Knechte nach deiner Gnade und lehre mich deine Gebote. 119,125 Ich bin dein Knecht: Unterweise mich, daß ich verstehe deine Mahnungen. 119,126 Es ist Zeit, daß der HERR handelt; sie haben dein Gesetz zerbrochen. 119,127 Darum liebe ich deine Gebote mehr als Gold und feines Gold. 119,128 Darum halte ich alle deine Befehle für recht, ich hasse alle falschen Wege.

_119,129 Deine Mahnungen sind Wunderwerke; darum hält sie meine Seele. 119,130 Wenn dein Wort offenbar wird, so erfreut es und macht klug die Unverständigen. 119,131 Ich tue meinen Mund weit auf und lechze, denn mich verlangt nach deinen Geboten. 119,132 Wende dich zu mir und sei mir gnädig, wie du pflegst zu tun denen, die deinen Namen lieben. 119,133 Laß meinen Gang in deinem Wort fest sein und laß kein Unrecht über mich herrschen. 119,134 Erlöse mich von der Bedrückung durch Menschen, so will ich halten deine Befehle. 119,135 Laß dein Antlitz leuchten über deinen Knecht, und lehre mich deine Gebote. 119,136 Meine Augen fließen von Tränen, weil man dein Gesetz nicht hält.

_119,137 HERR, du bist gerecht, und deine Urteile sind richtig. 119,138 Du hast deine Mahnungen geboten in Gerechtigkeit und großer Treue. 119,139 Ich habe mich fast zu Tode geeifert, weil meine Widersacher deine Worte vergessen. 119,140 Dein Wort ist ganz durchläutert, und dein Knecht hat es lieb. 119,141 Ich bin gering und verachtet; ich vergesse aber nicht deine Befehle. 119,142 Deine Gerechtigkeit ist eine ewige Gerechtigkeit, und dein Gesetz ist Wahrheit. 119,143 Angst und Not haben mich getroffen; ich habe aber Freude an deinen Geboten. 119,144 Deine Mahnungen sind gerecht in Ewigkeit; unterweise mich, so lebe ich.

_119,145 Ich rufe von ganzem Herzen; erhöre mich, HERR; ich will deine Gebote halten. 119,146 Ich rufe zu dir, hilf mir; ich will mich an deine Mahnungen halten. 119,147 Ich komme in der Frühe und rufe um Hilfe; auf dein Wort hoffe ich. 119,148 Ich wache auf, wenn's noch Nacht ist, nachzusinnen über dein Wort. 119,149 Höre meine Stimme nach deiner Gnade; HERR, erquicke mich nach deinem Recht. 119,150 Meine arglistigen Verfolger nahen; aber sie sind fern von deinem Gesetz. 119,151 HERR, du bist nahe, und alle deine Gebote sind Wahrheit. 119,152 Längst weiß ich aus deinen Mahnungen, daß du sie für ewig gegründet hast.

_119,153 Sieh doch mein Elend und errette mich; denn ich vergesse dein Gesetz nicht. 119,154 Führe meine Sache und erlöse mich; erquicke mich durch dein Wort. 119,155 Das Heil ist fern von den Gottlosen; denn sie achten deine Gebote nicht. 119,156 HERR, deine Barmherzigkeit ist groß; erquicke mich nach deinem Recht. 119,157 Meiner Verfolger und Widersacher sind viele; ich weiche aber nicht von deinen Mahnungen. 119,158 Ich sehe die Verächter, und es tut mir wehe, daß sie dein Wort nicht halten. 119,159 Siehe, ich liebe deine Befehle; HERR, erquicke mich nach deiner Gnade. 119,160 Dein Wort ist nichts als Wahrheit, alle Ordnungen deiner Gerechtigkeit währen ewiglich.

_119,161 Fürsten verfolgen mich ohne Grund; aber mein Herz fürchtet sich nur vor deinen Worten. 119,162 Ich freue mich über dein Wort wie einer, der große Beute macht. 119,163 Lügen bin ich feind, und sie sind mir ein Greuel; aber dein Gesetz habe ich lieb. 119,164 Ich lobe dich des Tages siebenmal um deiner gerechten Ordnungen willen. 119,165 Großen Frieden haben, die dein Gesetz lieben; sie werden nicht straucheln. 119,166 HERR, ich warte auf dein Heil und tue nach deinen Geboten. 119,167 Meine Seele hält sich an deine Mahnungen und liebt sie sehr. 119,168 Ich halte deine Befehle und deine Mahnungen; denn alle meine Wege liegen offen vor dir.

_119,169 HERR, laß mein Klagen vor dich kommen; unterweise mich nach deinem Wort. 119,170 Laß mein Flehen vor dich kommen; errette mich nach deinem Wort. 119,171 Meine Lippen sollen dich loben; denn du lehrst mich deine Gebote. 119,172 Meine Zunge soll singen von deinem Wort; denn alle deine Gebote sind gerecht. 119,173 Laß deine Hand mir beistehen; denn ich habe erwählt deine Befehle. 119,174 HERR, mich verlangt nach deinem Heil, und an deinem Gesetz habe ich Freude. 119,175 Laß meine Seele leben, daß sie dich lobe, und dein Recht mir helfen. 119,176 Ich bin wie ein verirrtes und verlorenes Schaf; suche deinen Knecht, denn ich vergesse deine Gebote nicht.

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Vor gut zweieinhalbtausend Jahren, im Jahr 538 vor Christi Geburt erhält das jüdische Volk nach jahrzehntelanger Gefangenschaft in Babylon von König Kyrus die Erlaubnis zur Rückkehr ins alte Land und zum Wiederaufbau des Tempels in Jerusalem, von Anbeginn jüdischen Lebens - also noch einmal gut eintausend Jahre zurück - der Inbegriff des religiösen Zentrums dieses Volkes. Einhundert Jahre später gibt Nehemia einen Bericht über die Lesung aus den Büchern Mose: "Esra öffnete das Buch vor aller Augen; denn er stand höher als das versammelte Volk. Als er das Buch aufschlug, erhoben sich alle. Dann pries Esra den Herren, den großen Gott; darauf antworteten alle mit erhobenen Händen: Amen, amen! Sie verneigten sich, warfen sich vor dem Herrn nieder, mit dem Gesicht zur Erde."(Neh.8,5.6) Das Leben der jüdischen Gemeinde vollzog sich wieder in den traditionellen Bahnen. Mit einiger Wahrscheinlichkeit kann gesagt werden, daß in dieser Zeit der Restauration auch das biblische Buch der Psalmen, der Psalter, seine heutige Gestalt erhalten hat, zumindest in wesentlichen Teilen.

 

    1. Ein Psalm - was ist das?

Heutigen Christen begegnet ein Psalm meist nur in Auszügen - zumeist entfällt der eigentlich vorgesehene Psalm zum Gottesdienstbeginn und als Halleluja-Vers allerdings komplett. Zu Beerdigungen wird häufiger ein Psalm gelesen. Teile sind gelegentlich zum Abendmahl zu hören, manchmal auch zu Passionsandachten und auch als Spruch zur Konfirmation. Das Lesen oder gar Singen ganzer Psalmen ist ganz ungewohnt, und man muß schon am Stundengebet von Nonnen und Mönchen teilnehmen, um einen Eindruck von der meditativen Kraft zu erhalten, die das Psalmodieren entfalten kann. Psalmlieder, also Nachdichtungen von Psalmen mit Melodien aus dem Gesangbuch sind auch keine wahrer Renner.

Was also ist ein Psalm?

Ein Lied? Eine Hymne? Ein Gebet? Eine Klage? Ein Schrei? Eine Botschaft? Eine Verherrlichung? Ein Dank? Dies alles und noch viel mehr Attribute ließen sich finden. Das Buch der Psalmen birgt eine unübersehbar große Fülle von Gedanken, Worten, Einsichten in das Verhältnis von Mensch zu Gott. Darum geht es: der Mensch wendet sich seinem Gott zu. Und das ist ursprünglich und allein Jahwe, der Gott des Alten Testamentes. Und der Mensch ist der jüdische Mensch - von König David an bis zu den heutigen Juden. Jesus hat Psalmen gebetet. Aber Jesus war auch Jude. Ist also der Psalm ein christliches Gebet? Ja und nein, beide Antworten sind möglich. Zunächst ist ein Psalm das Gebet eines Juden, der es in seiner lebensgeschichtlichen Situation gesprochen hat. Und die sah vor 3000 Jahren etwa so aus: ein Nomadenleben unter Wüstenbedingungen, ständig bedroht durch Völker von außen: im Osten die Perser, im Westen die Ägypter, und ständig bedroht durch die direkten Nachbarn. Im I.Buch der Chronik heißt es im 5. Kapitel:

"Die Krieger von Ruben, Gad und dem halben Stamm Manasse, Männer, die Schild und Schwert trugen, den Bogen spannten und im Kampf geübt waren, vierundvierzigtausendsiebenhundertsechzig Mann, die im Heer ausrückten, führten Krieg gegen die Hagariter und gegen Jetur, Nafisch und Nodab. Sie waren siegreich und konnten die Hagariter und deren Verbündete in ihre Gewalt bringen; denn sie schrien im Kampf zu Gott, und dieser ließ sich erbitten, da sie auf ihn vertrauten. So führten sie deren Besitz weg: 50 000 Kamele, 250 000 Schafe und 2000 Esel, dazu 100 000 Personen. Viele Feinde wurden erschlagen und fielen; denn es war ein Krieg Gottes." (18-22) Stete Bedrohung ging auch von Rivalitäten innerhalb der eigenen Sippe aus. Anlaß zum Herbeisehnen von Hilfe gab es zuhauf. Zu allen Zeiten war der Erfolg im Krieg, der Erfolg bei der Vernichtung des Gegners das stärkste Argument für das Bekenntnis zu dem einen Gott, dem des Alten Testamentes bei den Juden, dem des Neuen Testamentes bei Kaiser Konstantin im Jahr 312. Und auch wir Nachfahren der Germanen wären heute keine Christen, wenn unsere Vorfahren nicht mit dem Zeichen des Christus gesiegt hätten in vielen Kriegen. Oder wenn unsere Vorfahren die Überlegenheit der Kämpfer mit dem Kreuz vornweg nicht an sich als Besiegte erfahren hätten wie die Sachsen.

Den Exodus der Juden aus Ägypten bezahlen die nachsetzenden Ägypter mit ihrer Vernichtung im Roten Meer. Kann ein Christ nun mit Mose und Mirjam singen: "Ich singe dem Herrn ein Lied, denn er ist hoch und erhaben. Rosse und Wagen warf er ins Meer." (Ex.15,1.21)? Der Jude, der in Psalm 9 seinem Gott dankt, vereinnahmt Gott für sich, nimmt Gott für sich deswegen in Beschlag, weil seine Feinde besiegt sind: "Du hast die Völker bedroht, die Frevler vernichtet, ihren Namen gelöscht für immer und ewig. Die Feinde sind dahin, zerschlagen für immer. Du hast Städte entvölkert, ihr Ruhm ist versunken." (V.6.7) Stellen Sie sich für einen Moment einmal

vor, der Führer eines osteuropäischen Landes mit orthodox-christlichem Bekenntnis betet diesen Psalm.

Gleich der Psalm 2 räumt mit etwaigen Vorstellungen vom friedlichen Zusammenleben der Völker auf: "Der Herr sprach zu mir: 'Mein Sohn bist du. Heute habe ich dich gezeugt. Fordere von mir, und ich gebe dir die Völker zum Erbe, die Enden der Erde zum Eigentum. Du wirst sie zerschlagen mit eiserner Keule, wie Krüge aus Ton wirst du sie zertrümmern." (V7b-9)

Gerechter- und ehrlicherweise müssen Christen sagen, daß dies über Jahrhunderte hinweg christliches Gebet gewesen ist. Die Kreuzzüge gegen Juden und Moslems wurden so gerechtfertigt, die Vernichtung abweichender christlicher Glaubensrichtungen, Katharer, Waldenser, Templer u.a. fand immer einen Bibelspruch zur Begründung dieses Handelns als eines im Auftrag eines Höheren, im Auftrag des Höchsten. Und wenn heute die irischen Protestanten auf die irischen Katholiken das Dreinschlagen nicht sein lassen können, wenn die christlich—orthodoxen Serben die moslemischen Albaner aus ihren Dörfern und Städten jagen, wenn in Fernost Religionskriege geführt werden: dann wird hier wie zu allen Zeiten Gott gebraucht für die Verfolgung eigener handfester Interessen, gebraucht für Vorteile, Pfründe, Einfluß, Gewinn auf Kosten anderer. Daß die NATO ein militärischer Zusammenschluß von Staaten ist, ist unstrittig, aber ist die NATO auch ein christliches Bündnis? Was tut ein Militärpfarrer, wenn ein Bombenflugzeug in Italien gen Jugoslawien startet?

Vielleicht kann man es so sagen: Leben und Tod Jesu Christi, seine Botschaft von Feindesliebe und Versöhnung haben viele Psalmworte durchgestrichen, entwertet, unglaubwürdig gemacht. Und dies ist auch nur dann zutreffend, wenn man geflissentlich Jesusworte wie das folgende aus dem Lukas-Evangelium ignoriert: "Doch meine Feinde, die nicht wollten, daß ich ihr König werde - bringt sie her, und macht sie vor meinen Augen nieder!"(19,27) Nicht nur die Veränderung der Lebensumstände vom Nomadenvolk zur heutigen Gesellschaft, auch die Veränderungen des Glaubens an den einen Gott, der dann in vielen neuen Kämpfen zum dreieinigen Gott wurde, die unübersehbar große Zahl christlicher Bekenntnisse und nicht zuletzt die deutsche Geschichte zwingen uns zu einem differenzierten Umgang mit dem Buch der Psalmen. Der bekannteste der Psalmen, der 23. hat nicht nur den Vorteil der Kürze auf seiner Seite, in ihm ist auch nicht von der Gewalt Gottes gegen andere die Rede.

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    1. Entstehung der Psalmen

Jeder einzelne Psalm hat seinen Ursprung in einer lebensgeschichtlichen Situation eines jüdischen Beters - und das ist sicher nicht immer der in der Hälfte aller Psalmen genannte König David gewesen. Die Gebetsworte werden aufgegriffen, wiederholt, verändert, an neue Situationen angepaßt, aufgeschrieben, neu gestaltet, wieder gelesen, schließlich gesammelt. So werden unabhängig voneinander in verschiedenen jüdischen Gruppierungen erste Liederbücher entstanden sein. Den Kern des heutigen Psalters bilden die Psalmen 3 bis 41, die mit einer zweiten Sammlung der heutigen Psalmen 51 bis 72 kombiniert wurden. Der erste Psalter umfaßt die Lieder von Tempelgruppen und Sängergilden der Asafiten und Qorachiten und reichte vom heutigen Psalm 3 bis zum Psalm 89. Letzterem, einem Klagelied über die Verwerfung des Hauses David wurde Psalm 2 als Pendant vorangestellt, dessen Botschaft wir ja schon erwähnt haben. Eine Erweiterung fügte die Psalmen 90 bis 119 hinzu. Psalm 119 haben wir zu Beginn gelesen. Er ist im hebräischen Original eine literarische Kunstform: Je acht Verse beginnen mit einem Buchstaben des Alphabets, bei 176 Versen wird das hebräische Alphabet 22x durchlaufen. Der alte Rahmen - Psalmen 2 und 89 - wird durch einen neuen Rahmen eher weisheitlicher, meditativer Art umgeben. Psalm l beginnt: "Wohl dem Mann, der nicht dem Rat der Frevler folgt, nicht auf dem Weg der Sünder geht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern Freude hat an der Weisung des Herrn, über seine Weisung nachsinnt bei Tag und bei Nacht."

Psalm 119 endet schließlich: "Laß meine Seele leben, damit sie dich preisen kann. Deine Entscheidungen mögen mir helfen. Ich bin verirrt wie ein verlorenes Schaf. Suche deinen Knecht! Denn deine Gebote habe ich nicht vergessen."

In den letzten Jahrhunderten vor der Zeitenwende wurden dann die Psalmen 120 bis 150 angehängt. Erlauben Sie einen kurzen Vergleich. Die ersten Gesangbücher für die ganze Gemeinde erscheinen im Zusammenhang mit der Reformation um 1530. Immer wieder verändert, wird der erste Vorläufer der heutigen Ausgabe einhundert Jahre später durch Johann Crüger herausgegeben. Jede neue Auflage erlebte Veränderungen in der Liedauswahl in der Zuordnung der Texte. Jedesmal dauerte eine neue Revision Jahrzehnte. Nicht zuletzt politische und kirchenpolitische Gründe machen neue Gesangbücher erforderlich. Wir überblicken hier einen Zeitraum von wenigen hundert Jahren - mit Drucktechnik, Schreibmaschine und heutigem Computer.

Jedes Gesangbuch trifft eine Auswahl: von 100 000 als gedruckt bekannten Kirchenliedern stehen, wenn man die Regionalausgaben mitberücksichtigt, etwa 1%, ca. 1000 Lieder in den Gesangbüchern. Ähnliche Zahlenverhältnisse mögen auch zur Zeit der Entstehung des Psalters vorgelegen haben. Nur wurde der jüdische Auswahlprozeß vor 2000 Jahren abgebrochen. Seitdem ist der Psalter in seiner jetzigen Gestalt als biblisches Buch unverändert geblieben.

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    1. Aufbau des Psalters

Einen Überblick über 150 Psalmen geben zu wollen, setzte einen einheitlichen Maßstab der Gliederung voraus. Nun bergen diese 150 Lieder soviele einzelne religiöse Vorstellungen, daß es Schemata zur Gliederung zuhauf gibt. Sie orientieren sich letztlich alle entweder an äußerlichen Kriterien oder an solchen des Verwendungszwecks:

- Die Bibel teilt die 150 Psalmen in fünf Bücher analog zu den fünf Büchern Mose, dem jüdischen Gesetz, ein.

- Viel Scharfsinn wurde darauf verwendet, welche der Psalmen in die Gattung der Hymnen einzuordnen seien. Einigkeit besteht bis heute nicht.

- Die verbreitetste Gliederung orientiert sich am inhaltlichen Schwerpunkt eines Psalmes. Es sind dies die folgenden Gruppen:

- Königspsalmen,

- Klagelieder der Gemeinde,

- Klagelieder eines einzelnen,

- Danklieder.

- Es gibt Halleluja-Psalmen, eine sog. kleine Davidspsalmen-Reihe und hymnisch-liturgische Psalmen.

- Daneben gibt es Thronbesteigungslieder, Zionspsalmen, Lehrgedichte, Wallfahrtslieder u.a.

- Für die christliche Kirche sind die sog. Bußpsalmen, die in der Fastenzeit Verwendung finden, von besonderer Bedeutung (gewesen).

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    1. Vortrag der Psalmen

Wie Psalmen in jüdischer Tradition geklungen haben, ist nicht eindeutig zu rekonstruieren. Selten jedenfalls ging es dabei still zu. Psalmen wurden nicht gemurmelt, sondern gesprochen, gerufen, ja wohl auch geschrien. Instrumente gehörten zum Vortrag dazu. In den Büchern der Chronik heißt es: "Die levitischen Sänger (..) standen alle(..) mit Zymbeln, Harfen und Zithern an der Ostseite des Altars. Bei ihnen waren 120 Priester, die auf Trompeten bliesen. Es kam wie aus einem Mund, wenn die Trompeter und Sänger gleichzeitig zum Lob und Preis des Herrn sich vernehmen ließen. Als sie mit ihren Trompeten, Zimbeln und Musikinstrumenten einsetzten und den Herrn priesen, "Denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig", erfüllte eine Wolke den Tempel (..)" (2.Chr.5,12-13)(PS.136) "Sie hatten den Dienst im Haus Gottes nach der Weisung des Königs zu besorgen. Sie zählten zusammen mit ihren Amtsbrüdern, die im Gesang zu Ehren des Herrn unterrichtet waren, 288 Mann, lauter geübte Leute."(l.Chr.25,6b.7) Die Bibel nennt eine ganze Reihe antiker Instrumente, deren Klang allerdings nur zu erahnen ist. Gänzlich versunken ist die Musik, die sie damals gespielt haben. Eine Vorstellung liefern nur erhaltene Abbildungen:

 

 

An einem hohen Festtag im Jerusalemer Tempel beteten Gruppen jüdischer Pilger laut vor sich hin, standen einzelne und deklamierten Psalmen; Priester verrichteten ihre Gebete, Instrumentengruppen an allen Enden. Dazu die lautstark ihre Waren anpreisenden Händler und obendrein das Geschrei der Tiere, vor allem Geflügel und Lämmer, die für die Opferungen geschlachtet wurden. Andächtige Stille, meditatives Schweigen - Fehlanzeige. Getanzt wurde, gesungen, gelacht, szenisches Spiel gehörte dazu. Sicher ist ein kirchlicher Rummelplatz nicht der rechte Ort für Ehrfurcht, aber

Freude und aktive Teilnahme gar nicht erst aufkommen zu lassen, heißt Amtskirche und Reformation doch etwas mißzuverstehen.

Was im Vortrag der Psalmen über alle Jahrtausende hinweg offenbar gleichgeblieben ist, ist der Wechsel : der Wechsel zwischen Vorsänger und Gruppe und der Wechsel zwischen zwei Gruppen, seien dies hohe Stimmen gegen tiefe, rechte Gruppe gegen linke Gruppe, mehrstimmiges Singen gegen einstimmiges, gesprochen gegen gesungen, begleitet gegen unbegleitet. "Während die Leviten den Lobpreis Davids vortrugen, bliesen die Priester ihnen gegenüber die Trompeten, und ganz Israel nahm daran teil." (2.Chr.7,6) "Schon früher, in der Zeit Davids und Asafs, gab es Vorsteher der Sänger, die zur Ehre Gottes Lob- und Danklieder vortrugen." (Neh. 12,46)

 

Lassen sie uns doch einmal weitere Verse des PS.119 antiphonal sprechen:

a) Frauenstimmen/Männerstimmen // b) einer/alle // c)rechts/links

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    1. Psalmgestaltung

Warum ist jeder Psalm ein Gebet, aber nicht jedes Gebet ein Psalm? Psalm kommt aus dem Griechischen. Die griechische Übersetzung der Bibel aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert (Septuaginta - LXX) verwendet psalmoi (psalmoi) als Überschrift, bzw. in einer anderen Version psalterion (Saiteninstrument) (psalterion). Gemeint ist also immer eine Art Lied, Gesang oder Melodie. Es handelt sich immer um ein geformtes Beten, ein gestaltetes Sprechen zu Gott, schließlich um eine künstlerische Erarbeitung der gemeinten Gebetsaussage. Da wir über die Musik nichts sagen können, bleibt uns, die Sprache der Psalmen zu untersuchen.

Wichtigste Stilmittel, die die deutsche Sprache der hebräischen nachempfinden kann, sind solche der Klangform, des Sprachstils und des Versgefüges.

 

      1. Klangform

Beim Augenmerk auf den Klang der Worte habe ich die Möglichkeit, ähnliche Klänge aneinanderzufügen, oder kontrastreiche entgegenzusetzen:

"In meinem Haus soll kein Betrüger wohnen, kein Lügner kann vor meinen

Augen bestehen." (PS.101,7) -

           Zwei ü vereinen die beiden Sünder.

"Wenn ich in Not bin, wende dein Ohr mir zu."(PS.102,3) -

           Zwei o verbinden beide Substantive, 2x wen.

"Versengt wie Gras und verdorrt ist mein Herz."(102,5) -

           Mehrere r klingen garstig und sperrig.

"Begreift doch, ihr Toren im Volk! Ihr Unvernünftigen, wann werdet ihr klug?"           

Mehrere o kontrastieren der Reihe u.

"Wenn des Meeres Wogen toben, du glättest sie."(89,10)

Verschiedene Formen des Reimes sind möglich, da bitte ich Sie, doch selbst einmal im Gedächtnis nach verschiedenen Gedichten zu suchen. Lautmalereien im Stil "da wisperts und pisperts und knisterts im Stroh" gehören zu weiteren klanglichen Möglichkeiten des Wortes.

 

      1. Zum Sprachstil

gehört die Verteilung der Worte im Satz. "Ich öffne meinen Mund zu einem Spruch." heißt es in Psalm 78,2. Je nach Stellung im Satz verschiebt sich das Gewicht der Worte zueinander:Zu einem Spruch öffne ich meinen Mund.

Meinen Mund öffne ich zu einem Spruch.

Ich öffne zu einem Spruch meinen Mund.

Zum Sprachstil gehört das Mittel der Wiederholung:

"Danket dem Herrn, denn er ist gütig, denn seine Huld währt ewig.

Danket dem Gott aller Götter, denn seine Huld währt ewig.

Danket dem Herrn aller Herren, denn seine Huld währt ewig.

Der allein große Wunder tut, denn seine Huld währt ewig.

der den Himmel geschaffen hat in Weisheit, dann seine Huld währt ewig.

der die Erde über den Wassern gegründet hat, denn seine Huld währt ewig.

der die großen Leuchten gemacht hat, denn seine Huld währt ewig." (1-7)

Zum Sprachstil gehört das Mittel des Zitates:"An den Strömen von Babel, da saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten. Wir hängten unsere Harfen an die Weiden in jenem Land. Dort verlangten von uns die Zwingherren Lieder, unsere Peiniger forderten Jubel: 'Singt uns Lieder vom Zion!' Wie könnten wir singen die Lieder des Herrn, fern, auf fremder Erde?" (137,1-4)

Zum Sprachstil gehört das Mittel des Leitwortes:

"Er läßt deinen Fuß nicht wanken; er, der dich behütet, schläft nicht. Nein, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht. Der Herr ist dein Hüter, der Herr gibt dir Schatten; er steht dir zur Seite. Bei Tag wird dir die Sonne nicht schaden noch der Mond in der Nacht. Der Herr behüte dich vor allem Bösen, er behüte dein Leben. Der Herr behüte dich, wenn du fortgehst und wiederkommst, von nun an bis in Ewigkeit." (121,3-8)

 

      1. Versgefüge

Wichtigstes Erkennungsmerkmal eines Psalmverses ist seine Zweiteiligkeit und der inhaltliche Bezug beider Teile aufeinander.

"Ich will dich preisen Tag für Tag, und deinen Namen loben immer und ewig." (145,2)            sagt zweimal das gleiche mit unterschiedlichen Worten.

"Jerusalem, preise den Herrn, lobsinge, Zion, deinem Gott"

paart Jerusalem und Zion, preise und lobsinge, Herr und dein Gott. (147,12)   Das Gegenteil vereint dieser Vers in seinen Hälften:

"Der Himmel ist der Himmel des Herrn, die Erde gab er den Menschen."(115,16)       Auch:

"Erschüttert hast du das Land und gespalten. Heile seine Risse! Denn es kam ins Wanken." (60,4)

           Ursache und Folge verbindet die nächsten beiden Vershälften:

"Du riefst in der Not, und ich riß dich heraus." (81,8)

           Stilmittel, die vielleicht aus der Rhetorik bekannt sind, sind der Chiasmus, die   Kreuzstellung zweier Satzteile:

"Die Völker sollen dir danken, o Gott, danken sollen dir die Völker alle."(67,4)          Die Symmetrie:

"Meine Seele hängt an dir, deine rechte Hand hält mich fest." (63,9)    Weitere Varianten sind:

"Gott, sie sahen deinen Einzug, den Einzug meines Gottes und Königs ins Heiligtum." (68,25)"Biete auf, o Gott, deine Macht, die Gottesmacht, die du an uns er-wiesen hast." (68,29) (Anapher)

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    1. Übersetzung von Psalmen

Mit der Betrachtung sprachlich-stilistischer Mittel einher geht die Frage nach der richtigen Übersetzung, oder sollte man besser sagen, die Frage nach der angemessenen, oder der zeitgemäßen, oder der historischen Übersetzung? Jede Übersetzung ist Interpretation. In sie fließen immer notwendigerweise Vorannahmen, auch Vorurteile ein. Wichtigste Frage vor einer Übersetzung ist wohl, welchem Zweck sie dienen soll: soll sie möglichst eng am Original etwas vom fremdsprachlichen Gedankengang nachvollziehen; oder soll sie dem Lesen in der eigenen oder Vortragen andere Schwerpunkte setzt als das stumme; oder soll sie dem Singen dienen - und wenn gesungen wird, mit einem einfachen Psalmsingmodell oder mit einer Liedmelodie oder einem ganz neu entstandenen Lied, Es öffnet sich also die ganze Spanne von wortgetreuer Übertragung über eine sinngemäße Wiedergabe bis zur Nachdichtung und Neuschöpfung.

Dazu ein paar Beispiele:

 

      1. In der Lutherbibel von 1912 beginnt der 22. Psalm so:

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Ich heule; aber meine Hilfe ist ferne. Mein Gott, des Tages rufe ich, so antwortest du nicht; und des Nachts schweige ich auch nicht. Aber da bist heilig, der du wohnest unter dem Lobe Israels. Unsere Väter hofften auf dich; und da sie hofften, halfst du ihnen aus.

Eine moderne, sehr textgetreue Übersetzung lautet:

Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen und bist fern meinem Flehen, den Worten meines Schreiens? Mein Gott, des Tags rufe ich, und du antwortest nicht, des Nachts, doch finde ich keine Ruhe. Du aber bist heilig und thronst über dem Lobpreis Israels. Auf dich vertrauten unsere Väter, sie vertrauten auf dich, und du rettetest sie.

 

      1. In Martin Bubers Buch der Preisungen beginnt Psalm 69 so:

Befreie mich, Gott, denn das Wasser kommt an die Seele. Ich sinke in das strudelnde Moor und ist kein Stand, ich komme in die Tiefen des Wassers, der Schwall spült mich hinweg. Ich habe mich müde gerufen, meine Kehle ist entflammt, meine Augen zehren sich auf, wie ich harre auf meinen Gott.

Die Einheitsübersetzung vermerkt nüchterner und im Sinn einer Übersetzung sicher "richtiger":

Hilf mir, o Gott! Schon reicht mir das Wasser bis an die Kehle. Ich bin in tiefem Schlamm versunken und habe keinen Halt mehr; ich geriet in tiefes Wasser, die Strömung reißt mich fort. Ich bin müde vom Rufen, meine Kehle ist heiser, mir versagen die Augen,, während ich warte auf meine Gott.

 

      1. Psalm 34 im Vergleich der beiden Gesangbücher: EG 718 und GL 723(4-7)

Als ich den Herrn suchte, antwortete er mir und errettete mich aus aller meiner Furcht. - Ich suchte den Herrn, und er hat mich erhört, er hat mich all meinen Ängsten entrissen. Blickt auf zu ihm, so wird euer Gesicht leuchten, und ihr braucht nicht zu erröten. - Die auf ihn sehen, werden strahlen vor Freude, und ihr Angesicht soll nicht schamrot werden. Als einer im Elend rief, hörte der Herr und half ihm aus allen seinen Nöten. - Da ist ein Armer; er rief, und der Herr erhörte ihn. Er half ihm aus all seinen Nöten. Der Engel des Herrn umschirmt alle, die ihn fürchten und ehren, und er befreit sie. - Der Engel des Herrn lagert sich um die her, die ihn fürchten, und hilft ihnen heraus.

Einen überarbeiteten Text des Gotteslob-Psalms bietet das Antiphonale der Benediktiner-Abtei Münsterschwarzach:

Ich suchte den Herrn, und er erhörte mich, er hat mich all meinen Ängsten entrissen. Die auf ihn blicken, werden strahlen, nie wird vor Scham ihr Antlitz erröten. Da rief ein Armer, und es hörte ihn der Herr, er half ihm aus all seinen Nöten. Der Engel des Herrn umschirmt, die ihn fürchten, und er befreit sie.

Dieser Text hat seinen Ausgangspunkt im langen, wiederholten Singen

des Psalms.

 

      1. Jetzt im Vergleich vier Fassungen des Beginns des 126.Psalms.

Zunächst Martin Luther in seiner Sprache von 1545:

Wo der Herr nicht das Haus bawet

So erbeiten vmb sonst

die dran bawen.Wo der Herr nicht die Stadt; behütet

So wachet der Wechter vmb sonst.Es ist vmb sonstdas ir früe auffstehetvnd hernach lang sitzetvnd esset ewer Brot mit sorgenDenn seinen Freunden gibt ers schlaffend.

Im bürgerlichen beginnenden 19. Jahrhundert entstand diese eher biedere

Version der gleichen Verse:

Wenn Jehova nicht das Haus bauet:

Vergebens arbeiten die Bauleute;

Wenn Jehova nicht die Stadt behütet:

Vergebens wachet der Hüter.

Vergebens stehet ihr frühe auf, setzet euch spät,

Eßt euer Brod mit Sorgen:

Also gibt er seinem Geliebten im Schlafe. ( de Wette, 1819)

Nach dem 2. Weltkrieg entstand diese Nachdichtung R. Guardinis:

Baut der Herr nicht das Haus,

mühn sich umsonst, die daran bauen.

Hütet der Herr nicht die Stadt,

wacht vergebens, der sie behütet.

Nutzlos ists, wenn ihr vor Tag euch erhebt,

tief in der Nacht noch an der Arbeit sitzt,

ihr, die ihr esset der harten Mühsal Brot -

gibt er es doch den Seinen im Schlaf.

Die sog. GuteNachricht-Bibel mag ja in vielem verständlicher sein. Aber es fehlt ihr jeder Sinn für den Klang der Sprache, für rhythmisches Maß und Poesie:

Der Herr selbst muß das Haus bauen,

sonst arbeiten die Bauleute vergeblich.

Der Herr selbst muß die Stadt beschützen,

sonst ist jede Wache umsonst.

In aller Frühe stehet ihr auf

und arbeitet bis tief in die Nacht;

mit viel Mühe bringt ihr zusammen,

was ihr zum Leben braucht.

Warum quält ihr euch so?

Wenn der Herr euch liebt,

bekommt ihr alles wie im Schlaf.

 

      1. Die bekannteste der Nachdichtungen des Psalters

neben der von Ambrosius Lobwasser ist die Cornelius Beckers. Heinrich Schütz hat sie 1628 vierstimmig vertont. Der Psalm 119 steht auch im EG (Nr. 295):Wohl denen, die da wandeln vor Gott in Heiligkeit,

nach seinem Worte handeln und leben allezeit;

die recht von Herzen suchen Gott

und seine Zeugniss' halten,

sind stets bei ihm in Gnad.

Die revidierte Luther-Übersetzung im EG (Nr. 748) heißt:

Wohl denen, die ohne Tadel leben, die im Gesetz des Herrn wandeln!

Wohl denen, die sich an seine Mahnungen halten, die ihn von ganzem Herzen

suchen, die auf seinen Wegen wandeln und kein Unrecht tun.

Wenn ich schaue allein auf deine Gebote, so werde ich nicht zuschanden.

 

      1. Eine an die Einheitsübersetzung angelehnte Fassung

mit einer ausgefalleneren modernen Melodie bietet Rolf Schweizer zum Psalm 92;Gotteslob Nr. 271 und Evang. Gesangbuch Nr. 285

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    1. Psalmen außerhalb des Psalters

Außer den 150 Psalmen des biblischen Psalters gibt es noch viele, viele andere Psalmen: solche innerhalb anderer biblischer Bücher; außerbiblische, aber dem jüdischen Kulturkreis entstammende; psalmähnliche Texte außerhalb der jüdischen Überlieferung aus anderen Kulturkreisen und Psalmen aus der Zeit nach Christi Geburt, auch moderne Psalmen unseres Jahrhunderts,

      1. Biblische Psalmen außerhalb des Psalters

Das Danklied des Mose über die Vernichtung der Ägypter im Roten Meer habe ich schon eingangs erwähnt. Im Buch der Richter, vor jetzt gut 3000 Jahren singt eine der israelischen Richterinnen (!), Debora, im Anschluß an eine sehr verwickelte und blutrünstige Schlachtendarstellung ein Jubellied, das selbst in deutscher Übersetzung große rhythmische Spannkraft aufweist:

"Ihre Hand streckte sie aus nach dem Pflock, ihre rechte nach dem Hammer des Schmieds. Sie erschlug Sisera, zermalmte sein Haupt, zerschlug, durchbohrte seine Schläfe, Zu ihren Füßen brach er zusammen, fiel nieder, lag da, zu ihren Füßen brach er zusammen, fiel nieder. Wo er zusammenbrach, da lag er vernichtet."(Richter 5,26.27)

Im l. Buch der Chronik gibt es einen weiteren Psalm König Davids, im Buch Jesaja mehrere Psalmen, deren einer sehr vertraut beginnt:

"Singt dem Herrn ein neues Lied, verkündet seinen Ruhm bis ans Ende der Erde. Es jauchze das Meer und alles, was es erfüllt, die Inseln und ihre Bewohner. Die Wüste und ihre Städte sollen sich freuen, die Dörfer, die Kedar bewohnt. Die Bewohner von Sela sollen singen vor Freude und jubeln auf den Gipfeln der Berge. Sie sollen die Herrlichkeit des Herrn verkünden, seinen Ruhm auf den Inseln verbreiten."(Jes.42,10-12)

Eines der wichtigsten Lieder steht am Beginn der Samuelbücher. Das Lied der Hanna, ein direkter Vorläufer des Lobpreises der Maria, des Magnificat aus dem Lukas-Evangelium.

 

 

 

      1. Gemeinsames Lesen des Liedes der Hanna (l.Sam.1-10)

 

Mein Herz ist fröhlich in dem Herrn,

Mein Haupt ist erhöht in dem Herrn.

Mein Mund hat sich weit aufgetan wider meine Feinde,

Denn ich freue mich deines Heils.

Es ist niemand heilig wie der Herr, außer dir ist keiner,

Und ist kein Fels, wie unser Gott ist.

Laßt euer großes Rühmen und Trotzen,

Freches Reden gehe nicht aus eurem Munde; Denn der Herr ist ein Gott, der es merkt, Und von ihm werden Taten gewogen. Der Bogen der Starken ist zerbrochen,

Und die Schwachen sind umgürtet mit Stärke.

Die da satt waren, müssen um Brot dienen,

Und die Hunger litten, hungert nicht mehr.

Die Unfruchtbare hat sieben geboren,

Und die viele Kinder hatte, welkt dahin.

Der Herr tötet und macht lebendig,

Führt hinab zu den Toten und wieder herauf.

Der Herr macht arm und macht reich,

Er erniedrigt und erhöht.

Er hebt auf den Dürftigen aus dem Staub

Und erhebt den Armen aus der Asche,

Daß er ihn setze unter die Fürsten

Und den Thron der Ehre erben lasse.

Denn der Welt Grundfesten sind des Herrn,

Und er hat den Erdboden darauf gesetzt.

Er wird behüten die Füße seiner Heiligen,

Aber die Gottlosen müssen zunichte werden in Finsternis,

Denn viel Vermögen hilft doch niemand.

Die mit dem Herrn hadern, müssen zugrunde gehen,

Über ihnen wird es donnern im Himmel.

Der Herr wird richten der Welt Enden

Und wird Macht geben seinem König

Und erhöhen das Haupt seines Gesalbten.

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      1. Außerbiblische Psalmen

Die Schriftrollen, die nach dem 2. Weltkrieg in den Höhlen von Qumran entdeckt wurden, enthielten Abschriften fast aller biblischer Bücher des Alten Testamentes (mit Ausnahme Esther), am häufigsten jedoch mit 31 Exemplaren den Psalter. Dabei erwies sich, daß der Schluß dieses Buches von Fall zu Fall variierte, also im letzten vorchristlichen Jahrhundert zumindest bei den Essenern, die sie gesammelt und sorgfältig in Tonkrügen verwahrt hatten, noch nicht endgültig fixiert war. Viele Texte existieren in diesen Funden, die zu den schönsten Psalmen gehören. Einige Beispiele:

Herr bei dir sind dein herrlicher Thronsitz und der Fußschemel deiner Herrlichkeit in der Höhe, wo du wohnst. Dort sind all deine Geheimnisse: Bauwerke aus Feuer, Flammen deines Lichtes, Glanz der Ehre, Feuer aus Licht und wunderbare Lichter;

Ruhm und Glanz, Erhabenheit und Herrlichkeit, heilige Ordnung,

Ort des Glanzes und eine wunderbare, erhabene Quelle;

Hoheit und Mittelpunkt der Macht, Glanz und Lobpreis, große Wunder

und Heilungstaten und wunderbare Werke;

weise Ordnung, Sitz des Wissens, Quell der Einsicht und Quell der Klugheit;

(Psalmen aus Qumran. Hg. Klaus Berger. Ffm.,1997, S.94f)

Öffne deinen Mund, wie eine Quelle sprudelt, und lobe die heiligen Engel.

Und du - lobpreise wie eine Quelle immerdar.

Denn er hat dich getrennt von allem schwachen Geist.

Und du - trenne dich von allem, was er haßt, und halte dich fern

von jedem Greuel.

Er hat alles geschaffen und jedem Menschen weist er seinen Anteil zu.

Er setzte dich zur Herrschaft ein, die er herrlich ausgestattet.

Und du - du hast dich geheiligt für ihn, wie auch er dich zum

Allerheiligsten machte. (a.a.O., S. 90f)

      1. Außerjüdische Texte

Berührungspunkte biblischer Psalmen mit Gottesanrufungen, Gebeten, Verehrungen anderer Kulturkreise etwa Ägyptens oder Persiens gibt es wegen vielfacher Verflechtungen in der Geschichte viele. Sie resultieren oft aus der gemeinsamen Vorstellung von der Sonne als Lebensspenderin, die den Tod, die Dunkelheit besiegt, oder aus der Dankbarkeit gegenüber einem personifizierten Gott für Hilfe in schwierigen Lagen. Auch Tempelgebete von Priestern weisen ähnliche Motive auf.

Ein Vergleich von Passagen aus dem Sonnenhymnus des Pharao Echnaton mit

solchen aus dem 104. Psalm macht das deutlich.

Sonnenhymnus des Echnaton (um 1364-1347)

Du erscheinst schön im Lichtland des Himmels,

du lebende Sonne, die Leben zuweist.

Du bist aufgegangen im Östlichen Lichtland,

du hast jedes Land erfüllt mit deiner Schönheit.

Was auf Füßen steht, erwacht (..),

das ganze Land tut seine Arbeit.

Alles Vieh befriedigt sich an seinen Kräutern,

Bäume und Pflanzen wachsen.

Die Schiffe fahren stromab und stromauf in gleicher

Weise. Jeder Weg ist geöffnet durch dein Erscheinen.

Die Fische im Fluß hüpfen vor deinem Angesicht.

Die Erde entsteht auf deinen Wink, wie du

sie geschaffen hast:

du gehst auf für sie - sie leben,

du gehst unter, sie sterben.

Du bist die Lebenszeit selbst,

man lebt durch dich.

Psalm 104

Herr, mein Gott, wie groß bist du.

Du bist mit Hoheit und Pracht bekleidet.

Du hüllst dich in Licht wie in ein Kleid,

Du spannst den Himmel aus wie ein Zelt.

Nun geht der Mensch hinaus an sein Tagwerk,

An seine Arbeit bis zum Abend.

Du läßt Gras wachsen für das Vieh,

auch Pflanzen für den Menschen, die. er anbaut.

Da ist das Meer, so groß und weit, darin ein

Gewimmel ohne Zahl; kleine und große Tiere.

Dort ziehen die Schiffe dahin.

Verbirgst du dein Gesicht, sind sie verstört;

nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie hin

und kehren zurück zum Staub der Erde.

Sendest du deinen Geist aus, so werden sie alle

erschaffen, und du erneuerst das Antlitz der Erde.

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    1. Ich möchte Sie jetzt zu einem Experiment einladen

und zuvor von einer eigenen Erfahrung berichten. Ich hatte eingangs ein Plädoyer für einen differenzierten Umgang mit Psalmen gehalten. Ist es möglich. Psalmverse

so zu formulieren, daß sie in unser Leben, in unseren Alltag, in unsere religiösen Vorstellungen passen? Eher zufällig war ich beim Blättern beim folgenden Vers hängengeblieben:

Frohlocken und Jubel erschallt in den Zelten der Gerechten: Die Rechte des Herrn wirkt mit Macht.

Darin sind einige fremde Dinge enthalten: Frohlocken, Zelte, Gerechte. Vielfach wird gerecht mit heilig übersetzt, also vielleicht: Lachen und Loben ertönt in den Städten der Heiligen: das erscheint noch fremder. Die Rechte des Herrn wirkt mit Macht. Könnte man nicht sagen:

Gottes Gewalt wird tatkräftig sichtbar?

So ging es assoziativ weiter, ein Wort ersetzte das andere, aus Gottes Rechter Hand wurde Jesus Christus, aus den Gerechten die Christen. Nur, im Resultat landete ich bei der Umformulierung dieses Verses und dem Versuch, ihn für mich zugänglich zu machen, bei einem ganz anderen Sachverhalt, letztlich bei einem politischen. Ich möchte Ihnen die einzelnen Schritte meines Versuches nicht vorenthalten:

Frohlocken und Jubel erschallt in den Zelten der Gerechten

Die Rechte des Herrn wirkt mit Macht.

Lachen und Loben tönt in den Städten der Heiligen:

Die Gewalt Gottes wird tatkräftig sichtbar.

Unbändige Freude erklingt laut im Hause der Gläubigen:

Gottes Handeln setzt sich durch.

Hohes Preisen regiert in der Kirche der Christen:

Jesus Christus triumphiert.

Lauteres Jauchzen erfüllt die Siedlungen der Stärksten:

das christliche Banner weht voran.

Lauter Gejauchze brüllt im Lager der moralischen Sieger:

unsere Geheimwaffe hat gesiegt.

Da wäre ich dann also wieder bei der eingangs erwähnten Inanspruchnahme Gottes durch die Sieger angekommen. Das Experiment ist fehlgeschlagen. Aber ist es wirklich fehlgeschlagen? Oder ist dieser Inhalt außer in meinem Kopf vielleicht doch latent auch im Vers enthalten gewesen? Vielleicht probieren Sie jetzt einmal ähnliches aus: versuchen Sie, den Gehalt von vier Versen, die ich Ihnen anbiete, in Ihre Sprache zu bringen. Suchen Sie den aus, der Ihnen spontan am ehesten zusagt. Wer sich damit nicht anfreunden kann, findet sicher im Gesangbuch einen für ihn passenderen Vers. Lassen Sie sich Zeit beim Überlegen.

Unsere Tage zu zählen, lehre uns. Dann gewinnen wir ein weises Herz. (90,12)

Er beschirmt dich mit seinen Flügeln, unter seinen Schwingen findest du Zuflucht, Schild und Schutz sind dir seine Treue. (91,4)

Rühmt euch seines heiligen Namens. Alle, die den Herrn suchen, sollen sich von Herzen freuen. Fragt nach dem Herrn und seiner Macht; sucht sein Antlitz allezeit. (105,3.4)

Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit; alle, die danach leben, sind klug. Sein Ruhm hat Bestand für immer. (111,10)

Zeit der Stille. Evtl. Vorlesen einiger Verse. Erfahrungsaustausch.

Wie schwer es ist, ein Gebetsanliegen über die Formulierung eines spontanen Gebetes, eines Stoßgebetes hinaus so zu formulieren, daß es Bestand hat, haben wir eben ausprobiert. Wie schwer es ist, in heutiger Zeit daraus ein Kunstwerk zu schaffen, einen Psalm als heutiges Gedicht zu formulieren, wollen wir zum Schluß uns an

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    1. einigen Gedichten unseres Jahrhunderts

vergegenwärtigen.

        1. Else Lasker-Schüler (1869-1945)

Ein Lied an GottEs schneien weiße Rosen auf die Erde,Warmer Schnee schmückt milde unsere Welt;

Die weiß es, ob ich wieder lieben werde,

Wenn Frühling sonnenseiden niederfällt.

Zwischen Winternächten liegen meine Träume

Aufbewahrt im Mond, der mich betreut -

Und mir gut ist, wenn ich hier versäume

Dieses Leben, das mich nur verstreut.

Ich suchte Gott auf innerlichsten Wegen

Und kräuselte die Lippen nie zum Spott.

In meinem Herzen fällt ein Tränenregen.

Wie soll ich dich erkennen, lieber Gott -

Da ich dein Kind bin, schäme ich mich nicht

Dir ganz mein Herz vertrauend zu entfalten.

Schenk mir ein Lichtchen von dem ewigen Licht! -

Zwei Hände, die mich lieben, sollen es mir halten.

So dunkel ist es fern von deinem Reich -

0 Gott, wie kann ich weiter hier bestehen!

Ich weiß, du formtest Menschen, hart und weich

Und weintetest gotteigen, wolltest du wie Menschen sehen,

Mein Angesicht barg ich so oft in deinem Schoß

Ganz unverhüllt: du möchtest es erkennen.

Ich und die Erde wurden wie zwei Spielgefährten groß,

Und dürfen "du" dich beide, Gott der Welten nennen.

So trübe aber scheint mir gerade heut die Zeit

Von meines Herzens Warte aus gesehen;

Es trägt die Spuren einer Meereseinsamkeit

Und aller Stürme sterbendes Verwehen.

        1. Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Aus dem Stundenbuch

Ich liebe dich, du sanftestes Gesetz,

an dem wir reiften, da wir mit ihm rangen;

du großes Heimweh, das wir nicht bezwangen,

du Wald, aus dem wir nie hinausgegangen,

du Lied, das wir mit jedem Schweigen sangen,

du dunkles Netz,

darin sich flüchtend die Gefühle fangen.

Du hast so unendlich groß begonnen

an jenem Tage, da du uns begannst, -

und wir sind so gereift in deinen Sonnen,

so breit geworden und so tief gepflanzt,

daß du in Menschen, Engeln und Madonnen

dich ruhend jetzt vollenden kannst.

Laß deine Hand am Hang der Himmel ruhn

und dulde stumm, was wir dir dunkel tun.

 

        1. August Stramm (1874-1915)

Allmacht

Forschen Fragen

Du trägst Antwort

Fliehen Fürchten

Du stehst Mut!

Stank und Unrat

Du breitst Reine

Falsch und Tücke

Du lachst Recht!

Wahn Verzweiflung

Du schmiegst selig

Tod und Elend

Du wärmst Reich!

Hoch und Abgrund

Du bogst Wege

Hölle Teufel

Du siegst Gott!

 

 

 

 

        1. Peter Huchel (1903-

Winterpsalm

Da ich ging bei träger Kälte des Himmels

Und ging hinab die Straße zum Fluß,

Sah ich die Mulde im Schnee,

Wo nachts der Wind

Mit flacher Schulter gelegen.

Seine gebrechliche Stimme,

In den erstarrten Ästen oben,

Stieß sich am Trugbild weißer Luft:

"Alles Verscharrte blickt mich an.

Soll ich es heben aus dem Staub

und zeigen dem Richter? Ich schweige.

Ich will nicht Zeuge sein."

Sein Flüstern erlosch,

Von keiner Flamme genährt.

Wohin du stürzt, o Seele,

Nicht weiß es die Nacht. Denn da ist nichts

als vieler Wesen stumme Angst.

Der Zeuge tritt hervor. Es ist das Licht.

Ich stand auf der Brücke,

Allein vor der trägen Kälte des Himmels.

Atmet noch schwach,

Durch die Kehle des Schilfrohrs

Der vereiste Fluß?

 

        1. Stefan George (1868-1933)

Du schlank und rein wie eine flamme

Du wie der morgen zart und licht

Du blühend reis vom edlen stamme

Du, wie ein quell geheim und schlicht

Begleitest mich auf sonnigen matten

Umschauerst mich im abendrauch

Erleuchtest meinen weg im schatten

Du kühler wind du heisser hauch

Du bist mein wünsch und mein gedanke

Ich atme dich mit jeder luft

Ich schlürfe dich mit jedem tränke

Ich küsse dich mit jedem duft

Du blühend reis vom edlen stamme

Du wie ein quell geheim und schlicht

Du schlank und rein wie eine flamme

Du wie der morgen zart und licht.

 

        1. Paul Celan (1920-1970)

Tenebrae

Nahe sind wir. Herr.

nahe und greifbar.

Gegriffen schon, Herr,

ineinander verkrallt, als war

der Leib eines jeden von uns

dein Leib, Herr.

Bete, Herr,

bete zu uns,

wir sind nah.

Windschief gingen wir hin,

gingen wir hin, uns zu bücken

nach Mulde und Maar.

Zur Tränke gingen wir, Herr.

Es war Blut, es war,

was du vergossen, Herr.

Es glänzte.

Es warf uns dein Bild in die Augen, Herr.

Augen und Mund stehn so offen und leer, Herr.

Wir haben getrunken, Herr.

Das Blut und das Bild, das im Blut war, Herr,

Bete, Herr.

Wir sind nah.

 

 

 

    1. Zum Schluß

So offen wie der Schluß der Gedichte muß auch die Beschäftigung mit den Psalmen bleiben. Wenn uns diese Beschäftigung mit den Psalmen etwas lehrt, dann, daß sie nie zu Ende geht: weil zwar die Fragen immer noch die gleichen wie vor tausenden von Jahren sind: wer sind wir, woher kommen wir, was treibt uns an, wo gehen wir hin? Weil aber die Antworten immer anders ausfallen und deswegen auch die Fragen immer neu formuliert werden. Im Umgang mit den Psalmen sehe ich zwei Wege: wenn wir sie als ganze nehmen und sprechen, müssen wir uns bewußt sein, daß wir sie dann nur als Zitat sprechen können, also als gewissermaßen historisches Gebet, stets unter Berücksichtigung seiner Entstehungsbedingungen. Das wird uns auch davor bewahren, sie umstandslos als Gebete der Christenheit zu vereinnahmen.

Auch wenn Jesus am Kreuz den Beginn des 22.Psalms gerufen hat; Jesus war Jude, der Umgang mit den Psalmen war ihm ungebrochen selbstverständlich. Natürlich gibt es Parallelen und Querverbindungen zwischen den alttestamentlichen Liedern und Versen aus dem Neuen Testament.:

Aber alle Schreiber der Texte des Neuen Testamentes kannten das Alte. Das Sprechen eines vor 2000 Jahren erstarrten Gebetes macht es zu einem ritualisierten Gebet. Es wird - das muß bewußt bleiben - selbst ein Ritual. Das mag seinen Platz haben, enthebt uns aber nicht der Mühe des Umgangs mit seinem Inhalt.

Der andere Weg des Umgangs mit Psalmen beschränkt sich auf einzelne Abschnitte und Verse, sozusagen die Herstellung eines entschärften Psalters, diesen Weg gehen die beiden Gesangbücher. Aber hier fängt dann die Beschäftigung mit den Versen erst richtig an. Welcher Vers trifft uns, auf welchen Vers treffen wir? Können wir seine Formulierung als die unsere nehmen? Oder sollten wir ihm unsere Formulierung geben?

Die Funde von Qumran können uns - gerade weil sie gewissermaßen das stehengebliebene Bild einer ehemals lebendigen kulturellen Tradition überliefern - vielleicht dazu anregen, daß der Psalter niemals fertig wird. Es spricht nichts dagegen, die alten Lieder zu bewahren, aber neue Lieder oder alte Lieder in neuen Gewändern, lebendige Lieder sind heute so nötig wie ehedem:

Cantate Domino canticum novum - Singet dem Herrn ein neues Lied.

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