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Einführung

Mit den Gesängen Hildegard von Bingens sind vielerlei Gottesdienst-Gestaltungen möglich. Es werden ihre Gesänge mit Lesungen aus ihren Werken verbunden und zu einem Gottesdienst ausgestaltet. Darueberhinaus bietet die Choralschola Scintilla animae zur Einführung einen Vortrag über Hildegard von Bingen und ihr Werk an:

Abbildungen und Hörbeispiele fehlen in dieser Online-Version!

Hildegard von Bingen - eine Einführung

I. Hildegard von Bingen - eine Einführung 

A. Einleitung 

B.  Scivias

1. Die erste Vision

2. Das Weltei 

3. Der Bauplan 

C. Ordo virtutum 

D. Liber vite meritorum - Das Buch der Lebensverdienste

1. Die Seele als Grundstoff der guten Werke 

E. Viriditas - Grünkraft 

1. Medizin 

2. Nichts Geschaffenes existiert auf sich selbst hin 

3. Licht und Feuer

4. Weltenrad

5. ...daß eins auf das andere Rücksicht nehme.

6.  Zu Hildegard von Bingens Leben

F. O quam mirabilis - o wie wunderbar 

1.Permutationen einer Quarte 

2 Nam cum Deus  inspexit faciem hominis 

3.Nichts bleibt allein für sich

4. Klangfarbe eines Textes 

Einleitung

Es wäre vermessen, in einem einzigen Vortrag eine qualifizierte, umfassende Einführung in das Werk Hildegard von Bingens geben zu wollen. Ihr Werk umfaßt zu viele Seiten - wörtlich wie sinngemäß zu verstehen -; ihre Musik ist in jedem einzelnen Stück zu schön, um sie nur zu streifen; ihre geistlichen Einsichten sind zu tief, um sie im Vorbeigehen auszuloten; ihre kirchenpolitische Wirkung zu weitreichend für eine knappe Visitation; die Frage der Überlieferung ihrer Werke zu ungeklärt, um sie in drei Sätzen darstellen zu können; und ihre Wirkungsgeschichte bis heute zu facettenreich, um auch nur annähernd ihrer Gestalt, ihrer Person, ihrem Werk gerecht werden zu können. Statt dessen beschränke ich mich auf Stichworte und zusammenfassende Übersicht und werde an einigen wenigen Stellen versuchen, Hildegards Höhen oder auch Tiefen auszuloten.

Das Hildegard-Gedenkjahr 1998 ist vorüber, ihr 900.Geburtstag vom Jahr 1098 wurde mit Ausstellungen, Büchern, Feuilletons und jeder Menge Kommerz der übelsten Sorte gefeiert. Esoteriker, Steinforscher, Astrologen, Gärtner, Köche - sie alle wollten den Stein der Weisen bei Hildegard von Bingen gefunden haben, um ihn 900 Jahre später in Form von Büchern, Salben, Tees, Rezepten fürs Essen und zur Erleuchtung zu verhökern. Das alles soll uns hier nicht interessieren. Ihre tatsächlich als gesichert anzusehenden Werke hat kaum einer gelesen - schon gar nicht im lateinischen Original.

Als junges Mädchen wurde Hildegard als zehntes Kind ihrer Eltern einem weit verbreiteten Brauch gemäß als Oblate, als Gabe für Gott in kirchliche Obhut gegeben. Sie kam zur als Reklusin - als von der Welt Abgeschlossene - lebenden Benediktinerin Jutta von Sponheim. Von der alten Anlage auf dem Disibodenberg bei Kreuznach stehen heute nur noch vereinzelte Mauerreste. Jutta von Sponheim übernahm die Erziehung Hildegards und wurde bald ihre mütterliche Freundin.

Viel ist aus den ersten Lebensjahrzehnten nicht bekannt - wie sollte es auch bei einem Leben in freiwilliger Armut und freiwilliger Abkehr von der Welt; als Nonne nur Gott zugewandt und als Frau und Nonne stets in Abhängigkeit von Entscheidungen der Brüder am gleichen Ort lebend.

Seit jungen Jahren muß sie visionär begabt gewesen sein und stets darunter gelitten haben. So etwas fällt uns heute Lebenden schwer zu verstehen: man ist wach, man verfügt über alle Sinne und hat doch ständig mit Erscheinungen zu tun, mit aufkommenden Bildern und verstellbaren Worten, die für Hildegard aus einer anderen Welt kamen.

Scivias

Die erste Vision

Im Alter von 43 Jahren, sie hatte von Jutta von Sponheim die mittlerweile zur Nonnengemeinschaft angewachsene Klause als Leiterin übernommen, meldet sie sich mit einem Paukenschlag zu Wort:

"Ich sah einen sehr großen Glanz. Eine himmlische Stimme erscholl daraus. Sie sprach zu mir: 'Gebrechlicher Mensch, Asche von Asche, Moder von Moder, sage und schreibe, was du siehst und hörst! Doch weil du schüchtern bist zum Reden, einfältig zur Auslegung und ungelehrt, das Geschaute zu beschreiben, sage und beschreibe es nicht nach der Redeweise der Menschen, nicht nach der Erkenntnis menschlicher Erfindung noch nach dem Willen menschlicher Abfassung, sondern aus der Gabe heraus, die dir in himmlischen Gesichte zuteil wird: wie du es in den Wundern Gottes siehst und hörst. So tu es kund wie der Zuhörer, der die Worte seines Meisters erlauscht und sie ganz, wie der Meister es meint und will, wie er es zeigt und vorschreibt, weitergibt. So tu auch du, o Mensch."

Dies ist der Anfang ihres ersten von drei visionären Büchern: Scivias - wisse die Wege. Sie entwirft darin ein Bild von Schöpfer und Schöpfung, vom Zusammenhang von Gott, Welt und Mensch.

In dieser Vision wird das "Weltall in der Urform des Eies dargestellt. Das Weltei ist in folgende Zonen gegliedert: die äußerste Zone, das leuchtende Feuer, ist Sinnbild des allmächtigen Gottes, der alles durchdringt und zusammenhält. Die Sonne in ihr, die drei Leuchten über sich hat, symbolisiert Christus. Der Südwind nimmt von hier seinen Ausgang. Die zweite Zone, das düstere Feuer, weist hin auf den Zelus Dei, den Eifer Gottes, der das Böse rächt und die Guten läutert. Der Nordwind hat hier seinen Ursprung. Die dritte Zone, der reine Äther, stellt den Glauben dar, in dem die Kirche lebt und wirkt. Sinnbild der Kirche ist der Mond, der sein Licht von der Sonne, Christus, empfängt, es an die Gläubigen, die Sterne austeilt, um dann aufs neue sein Licht an der Sonne zu entzünden. Von hier gehen die Ostwinde aus. Die sich anschließende Wasserzone mit den Westwinden ist Sinnbild der Taufe.

Die fünfte Zone, die weiße Haut, deutet auf die Unschuld der Christusverbundenen. Die Erde im Mittelpunkt des Kosmos stellt den Menschen dar. Er wird von den Elementen getragen und beherrscht die Erde nach göttlicher Verfügung, denn 'Gott hat ihn mit großen, staunenswerten Würden begabt."'

 

 

Weiter heißt es in der Einleitung zu Scivias:

"Teil III umfaßt 13 Visionen. (..) Hildegard erblickt das Heilsgeschehen im Bild eines Gebäudes, dessen Mauern und Gebäudeteile im Laufe der Zeit erstellt werden, bis der Bau am Letzten Tag vollendet ist. Das Gebäude wird nicht von Gott allein errichtet, sondern der Mensch hat als Mitarbeiter Gottes die Aufgabe, am Heilswerk Gottes mitzuwirken. Hildegard nennt die Bauleute virtutes und bringt mit diesem Wort beides zum Ausdruck: das Tun Gottes und die menschliche Mitarbeit. Nachdem in der 2. Vision der Bauplan dargelegt ist, wird von der 3. bis zur lo. Vision das Zusammenspiel der 'Kräfte', der virtutes aufgezeigt. Die 11.Vision stellt die letzten Zeiten dar, die 12. Vision das Letzte Gericht als Tag der großen Offenbarung. Die 13. Vision ist ein Jubelgesang auf das Wirken Gottes in den Heiligen." "Außerhalb des Heilsgebäudes steht der Thron des Allherrschers. Das Gebäude selbst sieht Hildegard aufgerichtet auf einem hohen Felsen, im Lichtkreis der göttlichen Macht. Es ist im Viereck gebaut, die vier Winkel schauen nach den vier Himmelsrichtungen. Von Osten führt die leuchtende Mauer (lucida pars muri) zum Norden. An dieser Mauer steht der Turm des Ratschlusses Gottes (turris praecursus voluntatis Dei) - Vision 3. und zur Nordecke hin die Säule des Wortes Gottes (columna Verbi Dei)-Visio 4.

An der Nordecke befindet sich der Eifer Gottes (zelus Dei) - Visio 5. Hier schließt sich die Steinmauer oder dreifache Mauer an (lapidea pars muri) - Visio 6, die vom Norden zum Westen führt. Die Westecke nimmt die Säule der Dreifaltigkeit ein (columna Trinitatis) Visio 7.

An dem sich anschließenden Teil der noch unvollendeten Mauer (nur die Fundamente sind gelegt) befindet sich die Säule der Menschheit des Erlösers (columna humanitatis salvatoris) - Visio 8. Im Süden steht der Turm der Kirche (turris ecclesiae) - Visio 9 (..) In der Ostecke steht, eingefügt in das Gebäude, der Thron des Menschensohnes (thronus Filii hominis) - Visio 10, der als Eckstein die beiden Teile der Mauer verbindet."(XXVf)

Jeden dieser Gebäudeteile verbindet Hildegard mit Auslegungen des Verhältnisse des Menschen zu Gott und der Welt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Zum Schluß stimmen die virtutes, die Tugenden, die zugleich Kräfte der Entfaltung sind, ein Hildegardsches Tedeum an.

Ordo Virtutum

Diese Lieder, die Gesänge der Tugenden, das Preises der Stärken zum Lob Gottes, hat Hildegard von Bingen zu einem gesonderten Werk verarbeitet, in dem die Kräfte mit dem Teufel einen Kampf um den Gewinn der menschlichen Seele ausfechten: dem Singspiel Ordo virtutum. Lassen Sie uns aus dem Anfang ein Stück gemeinsam anhören. Zunächst seufzt die glückliche Seele darüber, daß sie mit ihrer Menschwerdung ihre Göttlichkeit verloren hat. Ihr antworten die virtutes, die Kräfte: O glückliche Seele, o geliebtes Gottesgeschöpf, erschaffen bist du aus der unergründlich tiefen Weisheit Gottes, groß ist deine Liebe. Darauf die glückliche Seele: 0 wie gern käme ich zu euch, daß ihr mir den Kuß des Herzens schenktet. Vereint mit dir müssen wir kämpfen, o Königstochter, sagen die Kräfte.

 

                                                                              

Liber vite meritorum - Das Buch der Lebensverdienste

Immer wieder streiten in Hildegard von Bingens Schriften die Tugenden mit den Lastern. Besonders im Liber vite meritorum, dem Buch der Lebensverdienste - oder wie ein Herausgeber seine Ausgabe genannt hat: Der Mensch in der Verantwortung - geht es um solche Auseinandersetzungen. Insgesamt treten 35 Paare auf, die in fünf Teilen zusammengefaßt sind. Die Weltliebe streitet mit der Liebe zum Himmlischen, die Herzenshärte mit der Barmherzigkeit, die Völlerei mit der Enthaltsamkeit, Streitsucht mit Friede, die Ruhmsucht mit der Gottesfurcht und zum Schluß der Weltschmerz mit der himmlischen Freude. Heinrich Schipperges schreibt im Vorwort:

"Das so lebhaft inszenierte und äußerst turbulent ablaufende Drama einer kämpferischen Auseinandersetzung zwischen diesen Lastern und Tugenden wie auch die weitschweifigen moralistischen Ausdeutungen dieser Begegnung können nicht verbergen, daß hinter dieser Schau eine ungemein geschlossene Architektonik und vielschichtig durchlebte Dramaturgik am Werke sind."

"Hier geht es nicht um die Mysterien der Schöpfung und das Drama der Endzeit" (wie in Scivias) "sondern um den Kairos" (erfüllter Augenblick) "der Gegenwart, dem der Mensch sich in der alltäglichen Entscheidung seines Hier und Jetzt zu stellen hat. Und auch dabei geht es keineswegs um ein privates Heil oder persönliches Glück, sondern um das Recht und die Gerechtigkeit im Ganzen, um das Wohl einer Gemeinde, um das Reich des Geistes. Altes Testament und Neuer Bund stehen daher auch nicht in einer historischen Folge zueinander, sie sind vielmehr unmittelbar in die große heilsgeschichtliche Auseinandersetzung verknüpft und aufs engste wiederum mit dem Schicksal des Menschen verwoben, wie die Bilder aus der Genesis und dem Buch der Weisheit zeigen, aus dem Psalterium Davids und den Propheten, aus Johannes und Lukas und Paulus, aus der Apostelgeschichte und der Apokalypse, die von Hildegard in längeren Exegesen herangezogen werden." "Es ist darin nirgendwo eine statische Welt zu finden, die ein für alle Mal determiniert wäre, vielmehr eine unerhört vielschichtige Schöpfung in stetiger Weiterentwicklung. Die Welt ist auf den Menschen zugesprochen, ist dem Menschen auf den Leib geschrieben, dem Menschen zur Verantwortung übergeben. Dieser Mensch muß schöpferisch antworten; ihm bleibt keine leere Stelle und kein Niemandsland, das ihn von seiner ständigen Entscheidung entbinden könnte.""Gott tritt aus sich heraus und rechtfertigt Seine Schöpfung, Er, der Seine Herrlichkeit nicht für sich haben wollte, sondern sie einer Welt mitzuteilen gedachte. Freude und Glorie sollten diese Welt durchdringen. Der Mensch jedoch kam über den Engel zu Fall und verlor seine Schönheit. Gott aber wollte Sein Werk nicht preisgeben, sandte vielmehr Seine Propheten und schließlich Seinen Sohn, um den Menschen zu einer noch höheren Herrlichkeit heimzuführen."

Die Seele als Grundstoff der guten Werke

Eine einzige Stelle aus diesem Werk wollen wir jetzt etwas genauer betrachten. Vielleicht wird dabei etwas deutlich, daß das Denken nicht nur Hildegards, sondern aller mittelalterlicher Autoren bestimmt. Angela Carlevaris schreibt: "Was man bei so manchen anderen geistlichen Autoren des 12. Jahrhunderts feststellen konnte, gilt auch für Hildegard: Sie lebt, denkt, betet, schreibt und redet mit der Bibel. Die Texte der Heiligen Schrift dienen ihr nicht nur als Objekt oder Stichwort für die Behandlung ihrer Themen, sondern auch als Beweis und Bestätigung ihrer Behauptungen, die im Text als Gotteswort ausgegeben werden; auch ihr Wortschatz hängt zum großen Teil von der Bibel ab. Zu wörtlichen Zitaten und zu Wendungen, die aus der Heiligen Schrift stammen, kommen Anspielungen und Erinnerungen, die von einem Schriftwort ausgelöst wurden, das Assoziationen weckt, die aus dem biblischen Zusammenhang stammen; es erscheinen Vokabeln, die sich auf biblische Bilder oder Gedanken beziehen." ( Hildegard gibt ihre Quellen nicht an, nennt kaum einmal einen Autor so daß der Beweis, auf wen sie sich bezieht, fast nie erbracht werden kann. Zwar weiß man in etwa, welche Bücher in einem mittelalterlichen Kloster vorhanden waren, welche Bücher häufig benutzt und immer wieder abgeschrieben wurden, aber die moderne wissenschaftliche Zitierweise mit Fußnoten und Ziffern war damals nicht üblich - und wurde auch nicht gebraucht, weil kein fremdes Eigentum geistiger Natur zu kennzeichnen war, sondern das Schreiben und Denken über Gott Anliegen und Eigentum aller war. Und so soll denn die folgende Reihung verwandter Wendungen zu einem Textauszug Hildegard von Bingens kein Aufweis der Verwendung fremder Federn sein, sondern der Versuch, den mittelalterlichen Strom gemeinsamen Denkens aller Gottesleute des Mittelalters erfaßbar zu machen. Der Text ist der 22.Abschnitt des vierten Teils im Liber vite meritorum und in Heinrich Schipperges Übersetzung überschrieben mit: "Die Seele als Grundstoff der guten Werke".

1 Wie aber die Erde so vieles hervorbringt

Sed et sicut terra multa producit,

2 wodurch Gott verherrlicht wird,

de quibus Deus glorificatur,

3 so bringt auch die Seele des Menschen,

qui felicia opera sectatur,

5 gar manchen Keim der Tugenden

plurima germina uirtutis

6 zur Ehre des Namens Gottes hervor

ad gloriam Dei profert

7 Die Seele, in der Gott,

Anima enim in qua Deus uelut

8 gleichsam auf der Erde,

in terra

9 mit Seinem Vermögen bis zur Kraft

per possibilitatem suam usque ad

10 der Vollendung guter und heiliger Werke

fortitudinem perfectionis bonorum et

11 gewissermaßen von den Knien bis zu

sanctorum operum, quasi a genibus usque

12 den Waden steckt

ad suras est,

13 sie trägt die Seufzer und die Gebete

suspiria et orationem atque

14 wie auch die heiligen Werke,

sancta opera,

15 die zu Gott streben

que ad Deum tendunt

16 sozusagen als Feuchte und Grün

tamquam humorem et uiriditatem

17 wie auch als Keimkraft

ac tamquam germen

18 durch Gottes Huld in ihrem Wesen

per gratiam Dei habet;

19 Alle Schönheit und der Schmuck

que omnia pulchritudo et ornatus

20 göttlichen Einhauchs sind wie die Blüte

diuine inspirationis quasi floriditas

21 und Zier der Gotteskraft

ac decor uirtutis Dei sunt

22 so wie auch die göttliche Einhauchung

velut etiam eadem diuina inspiratio

23 gleichsam Gottes Tugend,

scilicet uirtus Dei,

24 durch sie gepriesen wird.

per illam glorificetur.

25 Denn so wie die Seele, in der Gott lebt

Nam cum anima in qua Deus est

26 Gutes wirkt, wird ihr Ruhm,

bona opera operatur, gloria ipsius,

27 da sie aus Ihm hervorgeht

quoniam ex ipso procedit,

28 im Lobgesang der Himmel verherrlicht

celestibus laudibus magnificatur.

29 Diese Seele ist es, die durch Gottes

Ipsa namquam anima per gratiam Dei

30 Gnade in seligen Kräften und

in beatis uiribus et

31 beseligenden Tugenden aufsprießt,

in beatis uirtutibus germinans,

32 um in den verschiedensten

quasi in diuersis generibus

33 Geschlechtern fruchtbar zu werden

fertilis est,

34 Und ihre Taten sind es,

et opera ipsius tabernacula

35 die eine Wohnstatt im Himmel errichten

in celestibus edificant:

36 Finden sie doch in ihr ihren Ursprung,

quia eadem ex ipsa procedunt,

37 so wie die Gebilde der irdischen Natur

quemadmodum formata in terrenis

38 aus der Erde hervorgehn.

creaturis de terra producuntur.

39 Und so ist auch die Seele der Grundstoff

Sed et anima materia bonorum

40 der guten Werke und eines höheren Lebens,

operum et melioris uite

41 des beschaulichen nämlich,

uidelicet contemplatiue est,

42 das als göttlicher Anteil in den Kräften

que diuina in uiribus eiusdem anime,

43 jener Seele, da sie von Gott stammt,

quoniam a Deo est,

44 im Menschen existiert.

in homine existit,

45 Dieser bereitete ihr die gerechten und

per diuinam iussionem

47 Geheiß vor, und er machte damit

sibimetipsi preparauit et ea facere

48 jenen Anfang, den später der eingeborene

incepit, que postmodum incarnatus

49 Sohn Gottes mit der Vollendung der

Dei Filius in perfectione beatarum

50 beseligenden Tugenden und mit dem Aufweis

uirtutum et in ostensione uere

51 einer wahren Heiligkeit in Seiner Person

sanctitatis per semitipsum compleuit;

52 vollendet hat.

 

53 Denn der da das Leben ist, gab allen das

et uita existens uitam

54 Leben, die an Ihn glauben.

credentibus dedit.

Der Abschnitt beginnt mit einer Anspielung an einen Vers aus Hiob: ut produceret herbas uirentes. Und frisches Gras sprossen zu lassen. (38,27) Zu Deus glorificatur - Gott wird verherrlicht fällt sicher jedem eine verwandte Stelle ein. Glorificamus te heißt es z.B. im Gloria. Z.5: Zum Wort germen - Keim fällt mir der Vers aus Jesaja ein, der vorwiegend in der Adventszeit gelesen und gesungen wird: Aperiatur terra et germinet Salvatorem - Es tue sich die Erde auf und sprosse den Heiland hervor. (45,8)/Ad gl.nom.Dei: vgl.Ps.79,9: Um der Ehre deines Namens wegen.

Zum folgenden Satz verweisen die Herausgeber des Textes auf zwei mittelalterliche Autoren: auf eine Morallehre Gregors des Großen und einen Jesaja-Kommentar von Haymo. (Z.7ff) Bemerkenswert ist die Kombination von Humor - Feuchtigkeit, uiriditas - Grünkraft und germen - Keim in einem Satz, alle drei Schlüsselbegriffe für Hildegards Denken, die immer wieder vorkommen. (Z.16f) Z.20: Zum göttlichen Hauch ist abermals auf eine Stelle aus Hiob zu verweisen, in der vom Hauch des Allmächtigen - inspiratio Omnipotentis die Rede ist (32,8). Der ganze Vers heißt: Jedoch ist es der Geist im Menschen, des Allmächtigen Hauch, der ihn verständig macht.

Z.34: Die Wohnstatt im Himmel läßt an den Ps.19 denken. In der Sonne baut er sein Zelt - in sole posuit tabernaculum. Es ist sicher kein Zufall, daß dieser Psalm direkt im folgenden Abschnitt zitiert wird.

Hildegard schreibt also weiter: Das Leben lag inmitten der Allmacht verborgen und verharrte im Schweigen, bis die leuchtend weiße, so lange umdunkelte Wolke erstrahlte. Da brach das Morgenrot auf und umflutete die Sonne. Diese aber sandte ihre Strahlen aus und erbaute eine gewaltige Stadt. Zwölf Lichter führte sie herauf und brachte im dritten Teil des Schlafs jene, die im tiefen Schlummer schliefen, zum Erwachen. Davon erröteten alle Adler, die in der leuchtend weißen Wolke hausten und auf das Opfer der Tafelschrift blickten, da nun diese Sonne den Spiegel der Heiligkeit im Augenblick des Ruhms aufzeigt. Und so erschien die neue Welt im Feuer, eine Welt, die aus den Wasser strömte. Berge und Hügel lagen davon übergossen. Und der ganze Kosmos singt der Engel Lied. Jedes Auge, das sehen kann, erschaut das höchste Licht im wahren Glauben. Denn Gottes Sohn kam in die Welt und setzte alles das ins Werk, um den Gläubigen in Seiner Person den rechten Weg zu zeigen. So hat dies David, vom Heiligen Geist erleuchtet, verkündigt, wenn er sagt: 'In der Sonne schlug er Sein Zelt auf. Sie selbst geht daraus hervor wie der Bräutigam aus seinem Gemache, froh wie der Held, der durchläuft seine Bahn. Sie geht hervor am Rande des Himmels, und wieder zum Rand des Himmels eilt sie dahin. Nichts kann sich vor ihren Gluten verbergen."

Ein weiterer Vergleich mit einem Psalm läßt in Z.19ff an die Verse aus Ps.96,6 denken: Magnificentia et pulchritudo in conspectu eius potentia et decor in sanctuario eius - Hoheit und Pracht sind vor seinem Angesicht, Macht und Glanz in seinem Heiligtum. Schließlich verweist der letzte Satz auf das Johannes-Evangelium: damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen (20,31). Vielleicht machen diese wenigen Andeutungen deutlich, wie dicht gewoben der Text Hildegards ist, welche Fülle von möglichen Fortführungen und Querwegen er bietet. Die Textherausgeber nennen noch diverse weitere Autoren mit Ähnlichkeiten zu Hildegards Formulierungen, jeder wird selbst beim Lesen der Psalmen auf Verwandtschaften stoßen können.

Viriditas - Grünkraft

Medizin

In der Einleitung zum Liber vite meritorum gibt Hildegard von Bingen einen Überblick über die Werke, die sie seit ihrem Erstling Scivias verfaßt hat, also in den Jahren zwischen 1150 und 1158. Diese Auflistung veranschaulicht die ganze Spanne der Gegenstände, mit denen sie sich beschäftigt hat, ungewöhnlich und einzigartig in der damaligen Zeit des doch so finsteren, frauenfeindlichen, kriegerischen Mittelalters. Da ist zunächst ein Buch über Heilkunde, das wegen seiner dem damaligen Wissensstand gemäßen Verwendung von Heilkräutern heute gern zitiert wird. Trotzdem ist Hildegard keineswegs die erste Homöopathin gewesen, sondern hat nur das Wissen der damaligen Zeit gesammelt und aufgeschrieben. Und die Behandlung einer Schuppenflechte mit dem Gallensaft eines Hasen, der bei zunehmendem Mond geschlachtet wurde, verspricht sicher manches Abenteuer. Es ist allerdings nicht einmal gewiß, daß diese Tortur für die Haut tatsächlich aus der Feder Hildegards stammt: der zugrundeliegende Text ist erst nach ihrem Tod aufgeschrieben worden. Hildegards Denken verlief nicht in den heute gewohnten Bahnen von Krankwerden - Krankheit diagnostizieren - Mittel verschreiben. Stets waren bei ihr andere Kräfte mit im Spiel, die zu berücksichtigen waren. Alle Stoffe waren warm oder kalt, die Säfte waren zu bedenken, es konnten Gott oder der Teufel seine Finger darin haben. Kurt Flasch schreibt:

"Offensichtlich ist dies eine Medizin mit doppeltem Boden: wenn sie nicht hilft, erklärt sie, es gehe ja nicht um Heilung, sondern um das Heil. Aber was noch wichtiger ist: dieser Naturbetrachtung fehlt das Konzept von Natur. Die 'Natur' ist bei Hildegard ein Spielball in der Hand Gottes oder des Teufels. Satan kann Wetter machen, Krankheiten schicken, Leichen beleben."

Auf der gleichen Linie liegt ihre Schrift über therapeutische Wirkungen von Edelsteinen. Viele Briefe hat sie geschrieben, sie stand in Kontakt mit Päpsten und Äbten, sie ist viel gereist, hat gepredigt. Mit ihren Liedern werden wir uns später näher beschäftigen. Weiter gehören zu ihren Schriften Auslegungen der Benediktinischen Regel, des Symbolum Athanasii und eine Lebensbeschreibung des Heiligen Disibod, des Gründers ihres Heimatklosters.

Nichts Geschaffenes existiert auf sich selbst hin

Margot Schmidt schreibt: "Das Faszinierende bei wiederholter Lektüre von Hildegardtexten ist, daß man stets in neuer Variante auf ihre grundlegende Zielvorstellung stößt: die Vielheit zu harmonischer Einheit und Fülle zu führen und das damit in Verbindung stehende dialogische Prinzip: Daß 'alles, was in der Satzung Gottes steht, einander Antwort gibt.' (MV94 (..) Die durchgehende Wechselbeziehung alles Geschaffenen erklärt Hildegard (..) mit den Worten: ' Nichts Geschaffenes existiert auf sich selbst hin.' (MV181) Daher steht die gesamte Schöpfung in einem Bezugsverhältnis von Geben und Nehmen, von Frage und Antwort, von Empfangen und aufnehmendem Verwandeln." Farben spielen eine gewichtige symbolische Rolle in Hildegards Werken. Sie versteht Farben nicht "vornehmlich als ästhetisches Schmuckmittel, sondern als intensivierende und differenzierende Sinndeutung, wie etwa bei der Farbe Grün, wo die übertragenen Bedeutungen wie: Frische und Lebendigkeit, fruchtbringende Kraft und ewiges Leben oder immerwährende Hoffnung den Gedanken der unzerstörbaren Kraft veranschaulichen.")

Für die Art der Verknüpfung von Kosmos als Gottes Schöpfung und Heilsversprechen ein Zitat Hildegards aus "Der Mensch in der Verantwortung". Im zweiten Teil dieses Buches erscheint Hildegard Gott in einer Vision, die ihn als überragende Gestalt mit vier Flügeln erscheinen läßt. Auf jedem dieser Flügel erscheint ein Buch. "Das Buch auf dem linken Flügel enthält zwei Seiten, weil diese Vernunft im Alten Bund aus Gottes Schutz lebendig, zwei Wege der Rechtschaffenheit aufweist. Die Seite ist von grüner, die andere von silberner Farbe. Ist doch die lebensfrische Grünheit jene Gerechtigkeit im Stoff des Gotteswerkes, die Gott selbst hervorbrachte. Wie nämlich die Erde alles Grün sprießen läßt, so wies der Alte Bund allen Samen und jede Blüte der zukünftigen Ausgeglichenheit auf. Dies wird im silbernen Fundament der reinen Erkenntnis kundgetan, welche die reine Heiligkeit mit Christus im Kommen zeigt. Dasselbe siehst du in dieser grünen Schrift geschrieben, wo der blühende Hinweis göttlicher Unterweisung deutlich zeigt, daß Noah mit der Arche jenem gehorchte, der weder Anfang noch Ende hat. Er war es, der im Wasser den vergänglichen Menschen wiederhergestellt hat, um ihn alsdann durch die Taufe zum Leben zu erneuern. Und so steht es auf der silbernen Seite geschrieben: In der Reinheit des wahren Wissens wird gezeigt, daß Gott im Alten Bund den Menschen die Härte entgegenstellte, weil sie sich Ihm gegenüber hartnäckig und nicht nachgiebig verhielten, damit dann im Neuen Bund ihre erweichten Herzen das göttliche Wort aufnehmen könnten."

Licht und Feuer

Durch alle Werke hindurch ziehen sich Bilder von Licht und Feuer, von Glanz, von Strahl. Helligkeit. Auch diese deuten stets über sich hinaus, verweisen auf ein Transzendentes. Jede Lichtquelle steht für etwas anderes außer ihr mit ein, Unfaßbares versucht sie, in Bildern menschlicher Vorstellungskraft faßbar zu formulieren: "In dieser lichten Wolke erscheinen Sonne und Mond. Das weist auf das verborgene Geheimnis der reinsten Menschwerdung im blendenden Glanze der Jungfräulichkeit hin. Wie eine Sonne erleuchtet sie die Welt, was auf die Kirche hindeutet, die durch die Wiedergeburt der Taufe Christus nachahmt, so wie der Mond der Sonne folgt. In der Sonne erscheint auch der Löwe, gleichsam in der Tiefe des Geheimnisses Gottes verborgen, um dennoch alles zu überstrahlen, was wiederum jenes Wunder bedeutet, daß Gott Mensch werden wollte. Denn der Sohn Gottes, der aus der jungfräulichen Materie Fleisch annahm, erschien in der höchsten Kraft der Gottheit als ein löwenstarker Mann und ging so auf jenem anderen Wege hervor, auf dem kein Mensch außer ihm allein erfunden wurde."

Margot Schmidt greift die Lichtsprache in ihrem schon zitierten Aufsatz auf mit weiteren Hildegard-Zitaten: "Die aus Licht geformte Stimme spricht :'Ich bin das lebendige Licht, das alles Dunkel erleuchtet'. Es kam als 'feuriges Licht mit Blitzesleuchten vom offenen Himmel hernieder, durchströmte mein Gehirn und durchglühte mir Herz und Brust gleich einer Flamme, die jedoch nicht brannte, sondern wärmte, wie die Sonne den Gegenstand erwärmt, auf den sie ihre Strahlen legt.' Hier ist nicht das "äußerliche Hören, Empfinden, Tasten gemeint, sondern die inneren geistlichen Sinne, gemäß ihrer anthropologischen Aussage, nach welcher der Mensch 'ein Licht aus Gott ist': 'designatum opus lumen a Deo'. Hildegard steht damit in der seit Origines ( - ) bekannten Tradition, daß der Mensch, und zwar bis in die Sinne hinein, eine Offenheit für das Transzendente oder für Gott hat, der mit seinem Licht, nämlich mit seiner Offenbarung, jeden Menschen, 'der Bein und Fleisch hat, durchströmt'. So ist für Hildegard der Leib mit seinen Sinnen nicht verachtenswert und auch keine Nebensache. Da Gott Mensch geworden ist, ist auch der Mensch in seinem Leib kostbar, da er in all seinen Gliedern erlöst und von Gott berührt werden kann. Gott 'hat nämlich durch den lebendigen (göttlichen) Funken in der Seele den ersten Menschen erweckt." Der göttliche Geist kommt als Feuerkugel in die menschliche Seele hinein. Margot Schmidt schreibt weiter: Der Geistempfang des Menschen im Bilde dieser Feuerkugel ist "Ausdruck sowohl für das eingepflanzte apriorische Wissen von Gott als auch ein Zeichen für die Überwindung der leiblichen Differenzierung und im Bild der Kugel ein Hinweis, zur ursprünglichen Natur, zur Gottvereinigung zurückzukehren. Denn das Bild der Kugel und des Kreises ist ein altes Symbol des Unendlichen, das zum Symbol für Gott wird. Dieses anschauliche Bild enthält die radikalste Bestimmung, daß der Mensch substantiell vergöttlicht, mit Gott vereint werden soll. Von hier aus versteht sich Hildegards Sprechen, daß der Mensch ein 'Licht aus Gott' ist, das den ganzen Menschen durchströmt. So beleuchten die Erfahrungen ihrer Lichtvisionen das Geheimnis des inneren Zusammenhangs von Leib, Seele und Geist oder von den "äußeren und inneren Sinnen, die von der Wirkung des Lichts als göttliche Offenbarungsmedium unterschiedlich getroffen werden.

Weltenrad

Verweilen wir bei einem solchen Kreis, dem Weltenrad, das die einzelnen Lichtregionen der Kosmos umschließt. Dieses selbst wird wiederum von Christus als der göttlichen Lichtgestalt umfaßt. "Aus ihr ragt ein zweites älteres Haupt, das den Scheitel des jüngeren noch berührt. Es ist diese Lichtgestalt, die den kosmischen Feuerrand hält, von der alles Licht alle Ordnungen und die Wirkkräfte der Natur mittels der Sphärenkreise in die Elemente hinabstrahlen. Die kosmische Ordnung selbst - für Hildegard die 'Liebe' als super omnia lucens - gleicht einem Netz von Lichtfäden (fila), die sich über alle Stufen der Welt spannen und sie in eine umfassende Ordnung einbeziehen. Aber in diesen Lichtlinien ist ein Fundierung wirksam, nach der die höchste, gottähnlichste Elementsphäre als ignis lucidus ein Widerschein des Urlichtes selbst ist, das gleichsam als göttlicher Lichtgrund der Gestirne erscheint. In dieser Sphäre (..)staffeln sich die Planeten, die die Lichtbezüge in eine feste Ordnung zusammenlaufen lassen. In einem weiteren Regress erscheint dann das astrale System ex ore der göttlichen Lichtgestalt hervorgegangen, so daß die gesamte, von den astralen Regionen bis in die sublunare Welt hinabscheinende Ordnung letztlich das lichtende Wort des Urwortes selbst ist, zu dem alles, was ist, durch die Liebe zurückgerufen ist.")

..daß eins auf das andere Rücksicht nehme.

Noch einmal ein längeres Zitat aus Hildegards Liber vite meritorum:

"Gott hat alle Dinge der Welt so eingerichtet, daß eins auf das andere Rücksicht nehme. Je mehr einer vom anderen lernt, wo er von sich aus nichts weiß, um so mehr wächst doch in ihm das Wissen. Daher besitzt er durch die Wissenschaft Augen, um auf sich zu achten, damit er nicht in eine Gefahr rennen und sich darin aufs Spiel setze. Wenn der Mensch nämlich nicht darauf achten wurde, wem könnte er dann durch sein Befehlen vorstehen? Welches Geschöpf würde ihm gehorchen, und was in der Schöpfung würde ihm noch dienen? Mit Hilfe der Natur setzt der Mensch ja ins Werk, was für ihn lebensnotwendig ist. So gräbt er die Gärten mit dem Spaten, die Äcker wendet er mit dem Pflug um, indes der Stier sie pflügt, und er heißt diesen zu ziehen. Eine jede Art in der Natur gewinnt er zu seinem Dienst und zu jenem Zweck, dessen er zu seinem Nutzen bedarf. Warum also verachtest du den Menschen, diesen Inbegriff von Himmel und Erde? Warum weisest du die Lehre und das Geschenk des Heiligen Geistes zurück, die doch der Heilige Geist selber den Menschen eingegossen hat? Der Mensch baut ja den Tempel und Altar für Gott auf, um Ihm darin zu dienen. Daher weiß ich, daß die Gaben des Heiligen Geistes, die ich im Menschen erkenne, die Werke Gottes sind, und für sie bin ich der Lobgesang. Ich, die Gerechtigkeit, trage mit vollem Recht das Diadem des Königs unter den Geschöpfen und in ihren Werken. In Ehren achte ich auf sie und bin mit ihren Taten am Werk, so daß sie voller Freude mich besitzen, der ich für sie wie ein Stab auf dem Pfade der Gerechtigkeit bin. Daher soll jeder, der mich verachtet, in die Grube fallen. Denn aus dem springenden Urquell bin ich hervorgegangen, und keine irdische Bedingung kann mich in Schrecken versetzen.

Mit der Morgendämmerung habe ich mich erhoben, ich, die geliebte Freundin Gottes: bei Ihm werde ich bleiben und weiche nie von Ihm. In Ihm bin ich ein Garant der Wohlfahrt. In der glühendsten Dürre falle ich nicht, da ich die Blühkraft aller Bäume bin, die der Winter nicht welken läßt und die im Sturmwind nicht fallen. Auf dem Berge Zion habe ich meine Heimat, und im Umgang des Lammes wandle ich. Mit Seinem Siege erhebe ich mich, ja, ich selber bin der Sieg des Königs. Niemand wird mich besiegt finden, niemand mich auch erschüttern können, niemand setzt mich in Schrecken, weil ich gar nicht zu Fall kommen kann."

So haben wir denn einen Zirkel abgeschnitten, genauer eine Spirale, weil der Endpunkt auf höherer Ebene liegt als der Ausgangspunkt. Ausgehend von der der viriditas, der Grünkraft, die alles hervorbringt und der These, daß alles Geschaffene mit allem Geschaffenen korrespondiert und seinen Ursprung im Ungeschaffenen hat, führte der Weg über die Gerechtigkeit, ohne die der Mensch sich nicht verwirklichen kann über das Licht, das der Heilige Geist als Seelenfunke dem Menschen einhaucht, das als Feuerkugel wieder auf den Schöpfer zurückverweist; führte der Weg weiter über das Kreisbild und das Weltenrad zum Kosmos, dessen Mittelpunkt der Mensch ist, gehalten durch die göttliche Liebe als Quellgrund alles Geschaffenen.

Margot Schmidt zitiert noch einmal Hildegard von Bingen und stellt dann eine Parallele zu Augustinus ( - ) her: "Es geht Hildegard um nichts anderes als um eine Kultur der Sinne, um die Lebenskraft und Sicherheit zu stärken und aus Freude die Welt zu gestalten. Hildegards Botschaft lautet: Freude ist die Grundlage für gottähnliches Handeln auf dem Wege der Gottebenbildlichkeit. Im Hymnus auf den Heiligen Geist gibt sie dem beredt Ausdruck:'Du führst auch meinen Geist in die Weite der Welt, wehest Weisheit ins Leben und mit der Weisheit die Freude des Herzens.' " Und Augustinus schreibt in seinen Confessiones:

"Was aber liebe ich, o Gott, wenn ich Dich liebe? Nicht die Schönheit eines Körpers noch den Rhythmus der bewegten Zeit. Nicht den Glanz des Lichtes, der da so lieb ist den Augen. Nicht die süßen Melodien in der Welt des Tönens aller Art; nicht die Blumen, Salben, Spezereien, Wohlgeruch, nicht Manna und nicht Honig, nicht Leibesglieder, die köstlich sind der Umarmung, nichts von alledem liebe ich, wenn ich meinen Gott liebe. Und dennoch liebe ich ein Licht und einen Klang und einen Duft und eine Speise und eine Umarmung des inneren Menschen, wenn ich meinen Gott liebe. Dort erstrahlt meiner Seele ein Licht, was kein Raum erfaßt dort erklingt ein Wort, das keine Zeit entführt; dort duftet ein Wohlgeruch, den kein Wind verweht; dort mundet eine Speise, welche keine Sattheit vergällt; dort bleibt eine Vereinigung, die kein Überdruß auseinanderlöst. Das ist es, was ich liebe, wenn ich meinen Gott liebe."

 

Zu Hildegard von Bingens Leben

Das für die damalige Zeit ungewöhnlich lange Leben Hildegard von Bingens - es währte von 1098 bis zum 17. September 1179 - dieses lange Leben, das zudem erfüllt war von so vielfältigen Tätigkeiten, auch nur annähernd umreißen zu wollen, wäre Vermessenheit. Von ihren Reisen wäre zu berichten, von ihrer Gewohnheit, vor dem Volk und auch vor dem Klerus der Städte, in die sie kam, zu predigen. Wobei sie sich nicht auf fromme Sprüche und Auslegungen beschränkte, sondern - heute würde man sagen - tagespolitische Ereignisse kommentierte.

Zu den Katharern hatte sie eine dezidiert abweisende Haltung, sie sah in ihnen - damit ganz auf der Linie der katholischen Kirche - eine Gefahr für den Bestand der Einheitskirche. Von ihren Briefen wäre zu reden, die sie nicht nur an Geistliche aller Stände richtete - vielfältig wurde sie um Rat gefragt und nahm zu allen Fragen Stellung. Dem deutschen Kaiser schrieb sie, Stellung beziehend in der komplizierten Frage, wer zur damaligen Zeit die Oberhoheit hatte, der eine Kaiser oder der andere oder der Papst und wer wem die Krone aufsetzen durfte, er, Barbarossa möge sich davor hüten, Dinge zu tun, für die ihn der oberste Richter zur Rechenschaft ziehen werde. 1168 schrieb sie ihm: "Der da ist, spricht: die Widerspenstigkeit zerstöre ich, und den Widerstand derer, die mir trotzen, zermalme ich durch mich selbst. Wehe, wehe diesem bösen Tun der Frevler, die mich verachten. Dies höre, König, wenn du leben willst! Sonst wird mein Schwert dich durchbohren." Von ihren Aktivitäten wäre zu reden, mit der sie die Gründung ihres eigenen Klosters vorantrieb, die Loslösung von der männlichen Vorherrschaft. Von ihrer Barmherzigkeit wäre zu reden, mit der sie einem exkommunizierten Ritter ein christliches Begräbnis auf Klostergrund gewährte und dafür von den kirchlichen Aufsichtsgremien für einige Monate mit einem Interdikt belegt wurde, das dem Kloster die Gottesdienste verbot.

Das muß man sich einmal vorstellen: der wesentliche Inhalt klösterlichen Lebens wird untersagt. Welche Gewissensprobleme dies damals in Hildegard und ihren Schwestern verursacht hat, läßt sich nur erahnen. Das alles sind Themen, die eine eigene Darstellung verdienten.

Wir wollen uns jetzt als letztem Abschnitt etwas ausführlicher mit einem ihrer Lieder beschäftigen. Die Bewertung ihres musikalischen Schaffens unterlag in der Vergangenheit extremen, fast wäre ich geneigt, den falschen Superlativ extremsten zu verwenden, Schwankungen. Die Skala reicht von: das hat sie nicht selbst geschrieben oder erfunden, ihr Liedschaffen könnten allenfalls Skizzen sein, aber keine Werke, zum Singen seien sie schon gleich gar nicht geeignet. Schließlich sprengen ihre Noten den Rahmen der damals üblichen Musik. Wir haben ja zu Beginn schon einen Ausschnitt aus ihrem Singspiel von den Kräften der Tugenden gehört. Auf der anderen Seite steht eine Begeisterung für die Ausdrucksstärke ihrer Lieder, für ihre emanzipatorischen Züge, für ihre Genialität, die im Einzelnen nicht belegt wird und sich so als Vor-Urteil erweist. Im Folgenden möchte ich versuchen, exemplarisch an einem Lied dieses Vorurteil in ein Urteil über ihre Komposition zu verwandeln.

0 quam mirabilis - o wie wunderbar

Permutationen einer Quarte

Dieser Gesang , der sechzigste in der Folge der Lieder, handelt von der Voraussschau Gottes, der "urewig jedes Geschöpf hat erschaut". Dieses "Wissen im Herzen der Gottheit" ist das Wunder vor der Schöpfung. Aus ihm entspringt auch der Mensch als Abbild der Schöpfung, mit Hildegards Worten:"Denn Gott, da er blickte ins Antlitz des Menschen, den er gebildet, er sah all sein Werk insgesamt in dieser Menschengestalt." Dann greift der Text die Formulierung des Anfangs "O quam mirabilis est praescientia" noch einmal auf: "O quam mirabilis est inspiratio" - o wie wunderbar ist der Hauch, der Geist, der so den Menschen erweckte.

Wie die ganze Schöpfung im Keim des Wissens Gottes, im Hauch, der Leben verleiht, angelegt ist - nicht zuletzt deshalb spielen Ausdrücke wie Grünkraft, Keim, Wachstum bei Hildegard eine so wichtige Rolle - so basiert die Komposition dieses Textes auf einer einzigen Keimzelle, einem einzigen Motiv, das in immer neuen Veränderungen den Text Hildegards nicht nur trägt, sondern ihn kompositorisch durch Mittel überhöht, die erst viele hundert Jahre später in der Schule der Niederländer der Renaissance zum musikalischen Ausdrucksmittel sich entwickelten. Hildegards entstand jedoch im 12. Jahrhundert und ist meines Wissens das einzig bekannte Stück einstimmigen Gesangs, das dermaßen dicht aus einem einzigen Keim entwickelt wurde. Ich erinnere daran, daß in einer Vision aus Scivias das Weltall aus der Form des Eis abgeleitet wird. Der Keim des Eis wird gleich zu Beginn vorgestellt: eine Folge von vier aufsteigenden Tönen, die wieder zum Ausgangspunkt zurückführt, dann einen Terzsprung nach unten absolviert, wieder ansteigt und in einer kleinen Bogenbewegung wieder zum Anfangston zurückkehrt. Auf kleinstem Raum ist hier an musikalischen Mitteln versammelt: aufsteigende Bewegung im Quartraum, absteigende Bewegung im Quartraum, Terzsprung, aufsteigende Bewegung der Quarte von einem anderen Ton aus, also eine Transposition, eine kadenzierende Bogenbewegung als Wechselnote. Gleichzeitig verschränken sich Quartgang und Silbenverteilung (1). Auf die Verknüpfung von Text und Tönen komme ich später noch zu sprechen. Es schließt sich eine Wiederaufnahme der abwärtsführenden Bewegung an, der Terzsprung ist nach oben transportiert (f-a), die kadenzierende Bogenbewegung wird wiederholt und verknüpft so die beiden einsilbigen Worte quam und est. Durch den Terzsprung wird die Quartbewegung zur Quintbewegung vergrößert. Nehmen wir beide Teile (l+2) zusammen, so entsteht aus der anfänglichen Bewegung von vier Tönen durch Abwärtsführen und Erweitern, durch Tonraumvergrößerung und variierte Wiederholung eine steigende Spannung, deren Träger das Wort mirabilis - wunderbar ist. Diese Spannung entlädt sich auf dem Wort praescientia - Vorauswissen, dergestalt, daß der Quartraum jetzt durch den Terzsprung, nun aber nach oben vergrößert wird und gleich noch durch einen zusätzlichen Ton bis zum a erweitert wird. So entsteht eine neue Quartbewegung von e zu a, die gleich wieder zurückgeführt wird, so wie zu Beginn, jetzt aber mit höheren Tönen. Die abschließende Bogenbewegung ist auch vergrößert, führt von unten wieder herauf, ist gleichsam zurückgebogen (resupin) und deutet schon darauf, daß es jetzt weitergehen muß. (3) Mittlerweile umfaßt der Tonraum mit diesen paar Noten schon eine ganze Oktave mit deutlicher Bevorzugung des Grundtones c und Abschluß auf dem Quintton g. Das Wort divini - göttlich erhält mit einer auf- und absteigenden Tonfolge eine genaue Transposition der Anfangsbewegung auf die Quinte. (4) Es folgt auf das Wort pectoris - Brust als Synonym für Herz die Wiederaufnahme der Bewegung in der Anfangsgestalt von c aus (5). Sie schließt mit einer abermals leicht veränderten Bogenbewegung. Hier erscheint zum ersten Mal die fallende Quinte als Motiv. Der erste Halbsatz "0 quam mirabilis est praescientia divini pectoris" umschließt also fünf Glieder, deren erstes und fünftes sich entsprechen - man könnte auch meinen, einschließen -Varianten von sich selbst: eine Vergrößerung nach unten (2), eine Vergrößerung nach oben (3) und eine Transposition auf die Quinte (4).

Die Fortsetzung ahmt die Verschränkung, die wir bei den Silben o und quam zu Beginn im Verhältnis zu den vier Tönen der Quarte gesehen haben, im größeren Maßstab nach: der zweite Teil beginnt nicht wieder mit der Ausgangslage, sondern, da bei (5) schon das Anfangsmotiv erklungen ist, beginnt mit der Fortsetzung des zur Quinte erweiterten Motivs (3). Außerdem verbinden sich so das Substantiv praescientia und das Verb praescire - vorauswissen mit der gleichen Tonfolge, allerdings auch wieder etwas versetzt, erst am Schluß treffen sich (praescien-)tia und (prae-)scivit auf den gleichen Schlußtönen (6). Die Tonfolge bei omnem entspricht wieder der von divini (7) und der Abschluß des ersten Satzes creaturam den Tönen von pectoris (8). Hier ist wieder auf eine weitere Modifikation des Abschlußbogens hinzuweisen. Der zweite Halbsatz: quae praescivit omnem creaturam vollzieht also noch einmal die gleichen Bewegungsabläufe des ersten Halbsatzes: aus der Bogenbewegung, die zum Ursprung zurückführt, - die also im großen die rückläufige Quartbewegung nachbildet - wird so eine Wellenbewegung, oder vielleicht genauer, wenn man die musikalische Wirkung des Entfaltens der Töne in der Zeit berücksichtigt, eine Spiralbewegung, eine kreisläufige Weiterentwicklung.

Nam cum Deus inspexit faciem hominis

Der zweite Satz von Hildegards Dichtung: Nam cum Deus inspexit faciem hominis, quem formavit, omnia opera sua in eadem forma hominis integra aspexit. Wörtlich übersetzt: Denn wenn Gott hineinblickt in das Gesicht des Menschen, das er gebildet hat, erblickt er alle seine Werke eingeschlossen in dieser selben Gestalt des Menschen.

Er beginnt musikalisch wieder mit der zweiten Gestalt des Anfangsmotivs (3), also auch wieder verschränkt: (9). Es schließt wiederum die Quinttransposition, wegen der Dreisilbigkeit leicht variiert (10), gefolgt vom Anfangsglied, wobei (11)wegen des Terzsprunges auch Ähnlichkeit mit mirabilis (2) hat. Die dritte Kreisbewegung oder Spiralentwicklung schließt also mit einem Aufbrechen des allzu fest gefügten: das Antlitz des Menschen modifiziert die Schöpfung, ließe sich metaphorisch interpretieren. Jedenfalls schließt sich mit Glied (12) etwas neues an: der Tonraum, der dem Menschen gilt, wird vielleicht wegen seiner Erdverhaftetheit noch einmal um einen Ton nach unten erweitert. Dann erscheint der gewohnte Terzsprung c-e versetzt nach e-g und führt auch gleich wieder zurück, um in der abermals modifizierten Bogenbewegung zu schließen.

Schon der erste Abschnitt enthielt mit Teil (2) eine Irregularität, hier wird sie erweitert: an Teil (12) schließt zunächst der bekannte Terzsprung-Gang (3) an, springt aber sogleich auf den obersten Oktavton c, sozusagen unter Auslassung der Quarttöne dazwischen. Die Oktave wird in späterer Zeit zum musikalischen Symbol für das Alles, das Ganze, die Einheit; hier ist es vorweggenommen - alle Werke Gottes verschmelzen mit dem musikalischen Symbol (14).

Ich erwähnte eben die Irregularität zu Beginn mit (2): dieses Motiv wird jetzt mit (15) erweitert: "in derselben Gestalt" korrespondiert so musikalisch mit dem "wunderbar" des Beginns und rückgespiegelt schließt Motiv (1) hier jetzt an zum Wort hominis - des Menschen (16).

Nichts bleibt allein für sich

Weiter mit dem Geflecht der Beziehungen: nichts bleibt allein für sich, alles hat seine Entsprechung an anderer Stelle, jedes Glied korrespondiert mit jedem anderen, in der Zelle ist das All enthalten. Der neue Tiefton g, der bei (12) erschien, als der Mensch in die Komposition eingeführt wurde, wird jetzt durch den vollständigen Gang über fünf Töne von d aus bekräftigt: integra - alles ist im Menschen eingeschlossen (17)- auch die Fortsetzung korrespondiert mit (12), allerdings ohne den Terzsprung.

Der zweite Abschnitt bricht die strenge Spiralentwicklung des ersten Teiles auf, die Elemente sind enthalten, aber im Angesicht des Menschen geraten sie in Bewegung, vielleicht auch in Unordnung. Alle Werke Gottes treten dem Menschen auch gegenüber, so wie Gott dem Menschen gegenübertritt.

So wie in der Denkwelt Hildegard von Bingens alles Natürliche untereinander zusammenhängt und alles wiederum an Gott hängt, hängen auch die Abschnitte ihrer Komposition zusammen: am Teil (17), der den dritten Abschnitt einleitet, hängt der Teil (18), so wie am Teil (12) der Teil (13), der im zweiten Abschnitt die genaue Mitte markierte mit seinem Wort omnia - alles. Teil (18) verknüpft die Quinterweiterung des Anfangsmotivs, schließt die Bogenbewegung von quam aus Teil (1) quinttransponiert an und schwingt sich wie bei (13) zum hohen c auf, um dann bei der Wiederaufnahme des Wortes mirabilis zwei abwärtsführende Quartgänge aneinanderzufügen.

Die Fortsetzung entspricht dem Verlauf des ersten Teiles: Abschnitt (19) inspiratione ist das erste Motiv, Abschnitt (20) das durch Terzsprung erweiterte Motiv (3), Abschnitt (21) entspricht Abschnitt (4). Wobei die winzigen Abweichungen beim Ausgang dieser Abschnitte nicht durch den Text zu erklären sind, wohl auch keine Nachlässigkeiten darstellen, sondern in meinen Augen bewußte Varianten sind. Es ist sicher kein Zufall, daß der Tiefton g, den wir jedesmal bisher bei der Nennung des Menschen gefunden haben, noch einmal beim Verb suscitare - aufrichten, auferwecken erscheint(22). Den Abschluß bildet die Terzsprungvariante, die wir bei (12) gefunden haben (23) .

Die Spiralbewegung scheint also wieder in sich zurückzulaufen, die Unruhe des zweiten Teils wird im dritten wieder aufgefangen, jetzt unter Einbeziehung des Menschen.

Klangfarbe eines Textes

Verweilen wir noch ein wenig beim Text: manchmal hilft auch die Statistik weiter, einen Eindruck zu erhärten, der sich beim wiederholten Lesen aufdrängt. Der Text scheint sehr hell zu klingen. Und wirklich, wenn man sich die Mühe macht, die Vokale, die ja in erster Linie für die Klangfarbe eines Textes zuständig sind, zu zählen, ergibt sich für O quam mirabilis eine Besonderheit nicht nur gegenüber einem durchschnittlichen lateinischen Prosatext, sondern auch gegenüber einem beliebigen anderen Stück der Hildegardschen Dichtkunst.

Während bei den Vokalen e und dem verwandten a-Umlaut ae und dem Vokal o in offenem und geschlossenem Klang die Werte aller drei Textarten eng beisammen liegen, gibt bei den entscheidenden Vokalen u und i erhebliche Unterschiede, wobei unser O quam mirabilis den höchsten Wert beim Vokal i und den niedrigsten beim Vokal u aufweist. Alles miteinander - die Vermitteltheit der Abschnitte der Musik untereinander, ihre Verknüpfung mit dem Text, die Färbung des Textes und sein eminent wichtiger Aussagegehalt - alles miteinander scheint mir kein Zufall zu sein. Die naheliegende Frage, ob es denn bewußte und gewußte Gestaltung gewesen ist, ob Hildegard von Bingen und ihre Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen dies alles so mit Absicht komponiert - zusammengetragen haben, kann ich nicht beantworten - vielleicht wird sie sich auch nie beantworten lassen. Ich jedenfalls stehe immer wieder aufs neue staunend vor dieser Gestaltung. Vielleicht hilft ja ein Vergleich: zu Zeiten Hildegard von Bingens wurden gewaltige Kirchen gebaut, auch diese ein Wunder an Konzeption und ein Wunder an steinsetzerischer Ausführung. Und wie durch ein Wunder haben sich viele Kirchen und eben auch das Werk Hildegard von Bingens sich bis heute für uns zum Verwundern erhalten. Dazu wollte ich ein kleines Stück beitragen.

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Literaturliste

Autor/Herausgeber

Titel

Zeitschrift

Ort

Jahr-gang

Auf-lage

Borgolte, Michael

Was sprichst du mich an, o Ungeheuer

Frankfurter Allgemeine Zeitung 1.12.

 

1998

 

Dinzelbacher, Peter

Mittelalterliche Frauenmystik

 

Paderborn

1993

 

Flasch, Kurt

Wenn Hildegard die Stimme hob...

Frankfurter Allgemeine Zeitung 14.4

 

1998

 

Führkötter, Adelgundis

Hildegard von Bingen

 

Salzburg

1979

2

Grässlin, Matthias

Sprich laut, du bist reich

Frankfurter Allgemeine Zeitung 6.5.

 

1998

 

Haverkamp, Alfred von

Hildegard von Bingen in ihrem historischen Umfeld. Intern. wiss.Kongreß zum 900jährigen Jubiläum, Sep.1998, Bingen am Rhein

 

 

2000

 

Hildegard von Bingen

Scivias. Hg. Adelgundis Führkötter

 

Turnholt

1978

 

Hildegard von Bingen

Das Buch von den Steinen. Hg. Peter Riethe

 

Salzburg

1979

 

Hildegard von Bingen

Liber Divinorum operum. Hg.: A. Derolez; P. Dronke

 

Turnholt

1996

 

Hildegard von Bingen

Hildegardis Scivias. Hg. Adelgundis Führkötter. Corpus Christianorum 43

 

Turnholt

1978

 

Hildegard von Bingen

Hildegardis Liber vite meritorum. Hg. Angela Carlevaris. Corpus Christianorum 90

 

Turnholt

1995

 

Hildegard von Bingen

Hildegardis Bingensis Liber divinorum operum. Hg.A. Derolez; Dronke, P. Corpus Christianorum 92

 

Turnholt

1996

 

Hildegard von Bingen

Liber vite meritorum. Hg. Angela Carlevaris

 

Turnholt

1995

 

M. Immaculata Ritscher

Kritischer Bericht zu Hildegard von Bingen: Lieder

 

Salzburg

1969

 

Müller, Irmgard

Die pflanzlichen Heilmittel bei Hildegard von Bingen

 

Freiburg

1993

3

Riedel, Ingrid

Hildegard von Bingen. Prophetin der kosmischen Weisheit

 

Stuttgart

1994

 

Schipperges, Heinrich

Die Welt der Engel bei Hildegard von Bingen

 

Freiburg, Basel, Wien

1998

3

Schmidt, Margot

Tiefe des Gotteswissens. Schönheit der Sprachgestalt bei Hildegard von Bingen

 

Stuttgart-Bad Cannstatt

1995

 

Schmidt, Margot

Hildegards Lichtschau als Einheit von "Rationalitas" und Mystik

Forum Kath. Theologie 2

 

1986

 

Spinola, Julia

Deconstructing Hildegard

Frankfurter Allgemeine Zeitung 1.10.

 

1998

 

Walter, Peter

Virgo filium Dei portasti. Maria in den Gesängen der heiligen Hildegard von Bingen

Archiv f. mittelrhein. Kirchengeschichte 29

 

1977

 

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